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Berichte aus Niersbote

Der Niersbote hat nun auch eine Internetseite,
schauen Sie mal rein:

Internetseite Niersbote


Der Niersbote 1951 bis heute
Vor 400 Jahren klagten die Wickrather die Bierwirte an
Von Menschen und Firmen, die eine Gemeinde prägten
Homage für Käthe Plümäkers
Erinnerungen einer Wickratherin (1)
Und was dann? (2)
Ein ungewöhnlicher Treck von Ost nach West (3)
Mein Eigentum.......(4)
Der schlimme Hunger (5)
Von Hunger, Angst und Überlebenskampf (6)
Endlich Ferien (7)
Es geht weiter.....(8)
60 Jahre nach Stalingrad (9)
Erinnerungen an das Kriegsende von Franz Otten
Pfarrhaus-Keller wird zum Grab

Der Schaukasten am Wickrather Markt wird von
Heinz-Josef Katz verwaltet.




Die Redaktion des NIERSBOTEN befindet sich im "Herzen" von Wickrath

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Quadt Straße 9.

Geschäftszeiten: Montag bis Freitag von 9:30 bis 12:30 Uhr

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Das NIERSBOTE-Team auf dem Foto von links: Sandra Wagner, Hans-Josef Pisters, Brunnenkönigin Leonore Lennartz, Helmut Frentzen, Monika und Heinz-Gerd Wöstemeyer

Bericht vom 27. September 2007 zum neuen Logo

von Heinz-Gerd Wöstemeier

Liebe Leserin, lieber Leser,
Ihr "Niersbote" im neuen frischen Layout liegt vor Ihnen. "Wer Traditionen erhalten will, muss sich zeitgemäßen Anforderungen stellen." Das gilt auch für das Erscheinungsbild einer Zeitung. Ein Widerspruch? Keineswegs, meinen wir. Dass aus dem ursprünglichen "Mitteilungsblatt" eine "Wochenzeitung" geworden ist, wissen Sie längst: "Ihre Wochenzeitung für Wickrath und Umgebung" mit Beiträgen für die ganze Familie, mit Themen für Jung und Alt.

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Das Niersbote-Logo in alter Fraktur-Schrift steht für Tradition. Diese Schrift war seit Jahrhunderten bis in der Mitte des 20. Jahrhunderts die meistbenutzte Druckschrift im deutschsprachigen Raum. Als das "Mitteilungsblatt der Gemeinde Wickrath" 1951 gegründet wurde, hatte die auslaufende Fraktur-Schrift vermutlich den Charakter einer traditionellen "Schönschrift".

Leider wird heutzutage mit dieser alten Schrift vielfach falschlicherweise eine rechts orientierte Gesinnung assoziiert. Umfragen mit Menschen, die den "Niersbote" noch nie zuvor gesehen hatten, haben unsere diesbezügliche Vermutung bekräftigt. Das kann uns nicht gleichgültig sein. Wir haben deshalb das traditionelle "Niersbote-Logo" mit dem modernen Schriftzug "Presse+KunstPOINT" optisch verknüpft. "Gestern" und "Heute" als eine Einheit, die das Tiefschwarz der Frakturbuchstaben aufgelockert und ein klein wenig verspielt wirken lässt!

Und Sie kennen das ja, wenn man einmal beim "Renovieren" ist, dann fällt einem auch noch dieses und jenes auf: Die Info-Zeile steht jetzt übersichtlich am Anfang und zum Aufblättern einer bestimmten Seite ist die aufgedruckte Seitenzahl sicherlich hilfreich.

Der Ausgabetag ist schon seit langem - "inoffiziell" - der Donnerstag, jetzt ist er's "offiziell". Das war's aber auch schon. Ihr neuer Niersbote wird Ihnen schnell vertraut werden, ganz sicher.


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Der Niersbote ist heute ein unverzichtbares Nachschlagewerk für alle Heimatfreunde und Chronisten.
Zu verdanken ist das in erster Linie dem in ganz Wickrath bekannten und beliebten Hans-Wilhelm Gilles. HWG, wie sein Kürzel unter allen Artikel lautete, war von der ersten Ausgabe 1951 bis zu seinem Tode 2005 Redakteur. Ab Oktober 2002 auch der Herausgeber. HWG hat den Niersboten vor dem sicheren Untergang gerettet. Nach seinem Tot hat seine Tochter Anna Nikola Gilles die Leitung übernommen.

Sie hat in der unermüdlichen LEONORE Leo LENNARTZ [LL], die "Gute Seele des Niersboten" seit September 2002, eine große Stütze von ihrem Vater übernommen.

Ebenfalls ist HEINZ-GERD WÖSTEMEYER [HGWö] als Fotograf und freier Journalist unermüdlich auf der Jagd nach Berichten aus dem Bezirk Wickrath.

Eine gute Hilfe hat der Niersbote auch in dem allseits bekannten und beliebten HANS-JOSEF PISTERS [HJP] (Bezirksverwaltungsstellenleiter I.R.) - [in Unruhe!], von dem auch die untenstehenden Daten über die Herausgeber des Niersboten sind.

Seit 2005 im NB-Team ist die gebürtige Wickratherin SANDRA WAGNER. [S.Wagner / SW] Die nun in Wegberg wohnende freie Journalistin schreibt mit Leib und Seele für den NIERSBOTEN.

Internetseite von Sandra Wagner

Ebenfalls im Team ist der Herrather HELMUT FRENTZEN mit dem Kürzel [wayne] bzw. [frentzen-media]. Er betreut in erster Linie die Anzeigenkunden, schreibt aber auch als freier Journalist.

Internet-Seite von Frentzen-Media
Internetseite von WAYNE, die Rockband aus Mönchengladbach

Die Herausgeber:


1951 – 1968 Die Gemeinde Wickrath
1969 – 31. Dez. 1974 Amtsblatt der Gemeinde Wickrath -
Herausgeber Froitzheim Verlag
1. Jan. 1975 – 1995 Mitteilungsblatt für den Stadtbezirk Wickrath -
Herausgeber Hermann Froitzheim
1996 – 1999 Mitteilungsblatt für den Stadtbezirk Wickrath -
Herausgeber Friedhelm Romeney
2000 – Sep. 2002 Mitteilungsblatt für den Stadtbezirk Wickrath -
Herausgeber Satz & Druckstudio Romeney
Okt. 2002 – Juli 2005 Mitteilungsblatt für den Stadtbezirk Wickrath -
Herausgeber Presse & Kunstpoint - Hans-Wilhelm Gilles
August 2005 – Sept. 2007 Mitteilungsblatt für den Stadtbezirk Wickrath -
Herausgeber Presse & Kunstpoint - Anna Nikola Gilles
September 2007 – heute Ihre Wochenzeitung für Wickrath und Umgebung -
Herausgeber Presse & Kunstpoint - Anna Nikola Gilles


Hans-Wilhelm Gilles war von 1951 bis 2. Mai 2005 Redakteur des Niersboten

Quelle: Hans-Josef Pisters

Vor 400 Jahren klagten die Wickrather die Bierwirte an


Abschrift aus Niersbote Nr 35 – 2002

Als man in der Reichsherrlichkeit das Bier noch selber braute
von Hausbrauereien, Gaststätten, Pinten und Kneipen
von Kurt F. Jacobi und Hans Willi Gilles

Die Zeit der Biergarten und Oktoberfeste am Niederrhein boomt. Aber Bier ist längst nicht Bier. Es gibt viele, viele Sorten. Im Staatsarchiv von Düsseldorf ist zu erfahren, dass im Jahre 1602 Klage über die Bierwirte erhoben wird. Bei Strafe wird befohlen, dass nach 8.00 Uhr abends nicht mehr "gezappt" werden darf.

Auch ist das Bier von den Probemeistem auf seinen Gehalt zu prüfen und sollen die Prüfer "Koermeister" genannt, die Menge des Bieres feststellen. Ein gewisses Maß musste jeder selbstbrauende Wirt im Keller haben. Damit später niemand sagen konnte, er habe von dieser Verordnung nichts gewusst, musste der Gerichtsbote am Sonntag nach dem Gottesdienst an den Türen der katholischen Kirche zu Wickrath und der evangelischen Kirche zu Wickrathberg mit lauter Stimme den Befehl vorlesen.

Doch wie gesagt, das war vor 400 Jahren. Schon damals galt das noch heute gültige Bier-Reinheitsgebot. Das bayerische Kloster Weihenstephan erhielt 1146 die erste kaiserliche Braugerechtigkeit verliehen und das ist wohl der eigentliche Anfang der deutschen Brautradition. Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser sind die Bestandteile des Bieres. Hopfen - ein Schlinggewächs - ähnlich der Weinrebe, wurde auch in Wickrath angebaut. Die Bezeichnung "Hoppenkamp" oder der heutige Straßennamen "Hopfengarten" erinnern daran.

Das Bier, das in den Hausbrauereien gebraut wurde, war ein Obergäriges mit nur geringer Haltbarkeit. Gelagert wurde das Bier im "Bierkeller" - ein Keller mit Tonnengewölbe, der im Sommer und Winter die gleiche Temperatur hatte. Gezapft wurde direkt aus den Holz-Bierfässern, und man trank aus Holz-, Zinn- oder Steinkrügen, aber auch "Bierkannen" waren üblich.
Eine Bierkanne hatte einen Durchmesser von 16,25 Zoll und faßte 1.5764 Liter. In der Zeit um 1630 kostete 1 Sextarius Bier, ca. 1/2 Liter, 14 Albus (Weißpfennige).

Als im Jahre 1491 Heinrich von Hompesch das Kreuzherrenkloster stiftete, wurde auch eine Braustätte eingerichtet. Ob das Wickrather Klosterbier einen guten Ruf hatte, ist nicht bekannt. Es gab Bier für die Mönche, die Pilger und für die vornehmen Gäste des Klosters. Eine vollständige Geschichte der Klosterbrauerei ist nicht erhalten. Vielleicht liegt es daran, dass die schreibenden Klosterbrüder von der Bierbrauerei keine hohe Meinung hatten.
Erst nach Auflösung des Kloster erfahren wir von einem A. Faßbender, der 1860 im Kloster (die spätere Wohnung von Carl Rente) eine Hausbrauerei und Gaststätte führte.

Die Grafen von Wickrath unterhielten eine eigene Hausbrauerei. Als im Jahre 1746 das alte Schloss durch eine Feuersbrunst fast völlig zerstört wurde, ließ der Reichsgraf Otto Friedrich von Quadt die Reste niederreißen und baute ein neues Schloss.
Aus einem Bericht von 1816 des Bürgermeisters Denhard wissen wir, dass in der rechten Vorburg ein Brauhaus von 15 Fuß Höhe, 30 Fuß Länge und 30 Fuß Breite existierte.
Fast jeder Wirt im Gebiet der Herrschaft Wickrath braute den Bedarf an Bier selber und musste davon eine Steuer, die sogenannte „Accise“ entrichten.

Erst als Wickrath preussig wurde, erfahren wir mehr über die alten Hausbrauereien. 1830 wurde die Wirtschaft Brosch gebaut, die dann später von der Familie Abels gekauft wurde.
1850 gibt es die Wirtschaft Georg Herx und 1851 die Wirtschaft M. Häuser - später Franz Klersy, Trompeterallee / Hochstadenstrasse.
1867 eröffnete die Wirtschaft Julius Wilms und auf der damaligen Hauptstraße, heute Quadtstraße errichtete Josef Frohn die Gaststätte „Zum Lindenhof“.
Der Wirt und Küfer Jacob Heinrich Quack eröffnete auf der heutigen Gelderner Straße eine Gaststätte.
Carl Sänger führte die „Sängers Grottenhalle“ an der Marktecke.

Jede Wirtschaft, jede Kneipe hat ihre eigene Geschichte und nicht unerwähnt sollte das Lokal von Karl Boss bleiben, das im Volksmund wegen seiner niedrigen Balkentüre den Namen „Kaffee-Duck dich“ trug. Aber auch der Name „Vatikan“ war für diese Gaststätte gebräuchlich. Heute steht hier die Volksbank.
Und nicht mehr zu hören ist in Wickrath seit Jahrzehnten der Ruf des Büttels: „Dass mir keiner den Bach (Mostersmühlenbach) versaut, morgen wird gebraut!“
Lediglich im Weichbild von Wickrath gibt es in Mennrath noch eine Hausbrauerei.

Von Menschen und Firmen, die eine Gemeinde prägten


Abschrift aus Niersbote Nr. 14 – 2003.

von Hans – Wilhelm Gilles

Die Forderungen der Herren von Wickrath an ihre Untertanen waren nicht eben bescheiden, und Napoleons Verwalter und Militärs stellten ebenfalls hohe materielle Ansprüche. So nimmt es nicht wunder, daß die Wickrather aufatmeten, als 1815 die Preußen kamen, die humanere Abgaben verlangten. Mit der Welle der Fabrikgründungen gab es für viele Arbeit und Brot. Der soziale und wirtschaftliche Aufschwung wirkte bis in die Tage der Nachkriegszeit. Das Streben der Großindustrie veränderte die Gesellschaft, aber auch das Ortsbild von Wickrath und seinen Dörfern. Wohnbebauung statt Industriekomplex war gegeben. Der Mittelstand gewann an Bedeutung. Er ist bis zum heutigen Tag ein ergiebiger Steuerzahler und Arbeitgeber.

Die Völkerschlacht bei Leipzig hatte die Herrschaft Napoleons I. über das Rheinland beendet. Durch den Wiener Kongreß (1814 – 1815) wurde die linke Rheinseite dem Königreich Preußen zugesprochen. Im Jahre 1815 hatte die Bürgermeisterei Wickrath 2.576 Einwohner. Unter der preußischen Herrschaft erfuhr Wickrath einen wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung. Eine Industrie im heutigen Sinn gab es nicht. Man webte auf dem häuslichen Handwebstuhl, wenn auch nicht mehr ausschließlich für den eigenen Bedarf, sondern im Lohnauftrag.

Nach 1815 wurde Leinen als Kleidungsstoff durch die billigeren halbwollenen und baumwollenen „Zeuge“ verdrängt. Nur als Wäschestoff konnte Leinen sich behaupten. Handspinnerei und Handweberei waren viele Jahre nicht zu entbehren. Die mechanische Produktion faßte erst durch die Einführung von englischen Maschinen Fuß. Eine Aufzeichnung von 1836 führt 130 Handwebstühle auf, die pro Jahr 5.000 Stück Gewebe zu je 45 Ellen mit einem Wert von 32.000 Reichstalern fertigten.
Daneben gab es noch in Herrath 20 Seidenwebstühle. Die Seidenweberei ging von dem benachbarten Krefeld aus, wo französische Immigranten die Kunst des Seidenwebens mitgebracht hatten.

Nach den 50-er Jahren nahmen die maschinell betriebenen Textilbetriebe einen schnellen Aufschwung. Von 1864 datiert die Firma Carl Rente mit ihrer Flachsspinnerei. Und schon bald entstand als Neugründung der Firma Rente-Lühl, die in einer Jute- und Scheuertuchweberei ca. 30 Mann beschäftigte. Diese Firma bestand bis Ende 1880, da am 1. Januar 1889 die beiden Inhaber sich trennten.
Lühl gründete im gleichen Jahr (1889) eine Scheuertuchweberei auf der Rheindahlener Straße und Rente führte die Juteweberei im bestehenden Gebäude an der heutigen Dr. Carl-Goerdeler-Straße weiter.

An der Poststraße bestand bereits 1886 die Weberei und Tuchfabrik Nacken, die 1914 von Wilhelm Rees erworben wurde und unter dem Namen Rees & Co. Herrenstoffe produzierte.

In Wickrathberg begann, ebenfalls im Jahre 1886, die Weberei F. W. Barten ihre Produktion. So hatte sich aus den häuslichen Handwebstühlen Fabrikbetriebe entwickelt, die vielen Menschen Arbeit und Brot gaben. Der Arbeitstag war lang und das Arbeiten an den meistens aus England bezogenen Webstühlen und Spinnmaschinen war schwer.

Ein anderer Arbeitszweig, der bereits seit Jahrhunderten an der Niers betrieben wurde, war die Ledergerberei. Wickrath besaß an der Niers vier kleinere Gerbereien. Es waren Familienbetriebe, oft stand man mit einem Arbeiter allein an der „Bütte“ und gerbte Roßhäute. Die Niers lieferte gutes Wasser, eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Lederherstellung.

Eine der kleineren Gerbereien war die seit 1849 konzessionierte Roßgerberei von Bernhard Königs. Zacharias Spier kaufte als Neunzehnjähriger 1850 diesen Betrieb auf. Neun Jahre später, 1864 firmierte dieser Betrieb unter der Bezeichnung „Schäften- und Vorschuhfabrik von Z. Spier in Wickrath“. Dem kaufmännischen Geschick von Zacharias Spier und seiner Söhne war es zu verdanken, daß die Zahl der Beschäftigten auf 500 anstieg.

Von den anderen Lederbetrieben sind erwähnenswert die Lederfabrik Offermann und die 1886 eröffnete Firma Schuster & Zimmer, die eine Leder- und Schäftefabrikation betrieb.

Es entwickelte sich 1880 die Firma Engels zur größten Kohlenhandlung am Niederrhein, die eigene Transportschiffe auf dem Rhein hatte. Vor Ort wurde die Kohle mit Pferdefuhrwerken angeliefert, daher wundert es nicht, daß 1861 eine Stellmacherei und Wagenfabrik Schale erwähnt wird, die zugleich eine Schmiede hatte.

1861 wurde die Firma Wilhelm Kuhlen gegründet, die in Wickrath eine Mälzerei und eine Ziegelei betrieb.

1886 zählte die Gemeinde schon insgesamt 5.186 Einwohner: 2.658 evangelische und 2.287 katholische Christen und 240 Juden, ferner einen Andersgläubigen.

Das Leben der Bürger in der Gemeinde Wickrath hatte sich verbessert. Kaffee war früher für den einfachen Mann unerschwinglich, man trank Malzkaffee, nun entstanden 1880 in Wickrathberg die Kaffeerösterei Schmidt und in Wickrath die Kaffeerösterei Schrey.

Für Fotofreunde ist es interessant, daß schon 1890 Albert Peltzer eine fotographische Papierfabrik gründete. Peltzer war es, dem wir viele fotographische Bilder aus dem alten Wickrath verdanken. Fotografieren war damals eine Seltenheit und die ersten Bilder sind eine Rarität.

1892 gründete man aus einer Bauerngenossenschaft die „Rheinische Konservenfabrik GmbH“, die sich der Konservierung von Sauerkraut, Gurken und Bohnen widmete. 1906 wurde diese Firma von Daniel Bausch übernommen, der bis dahin Teilhaber war.

In Beckrath nimmt 1896 die Krautpresse Kamerichs ihre Arbeit auf.
Seit 1891 bestand in Herrath die Krautpresse Krings. Die Eindickung des Saftes von Äpfeln, Birnen, Möhren und Rüben zu Kraut, einem dickflüssigen oder gelierten Sirup ist seit Jahrhunderten im Rheinland bekannt. Das Kraut wurde gebraucht als Brotaufstrich, zum Backen und zum Süßen von Suppen und Süßspeisen.

Vieles hat sich in den letzten 100 Jahren in Wickrath verändert. In der Vergangenheit haben tüchtige Unternehmer und Kaufleute die Gemeinde geprägt. Neue Betriebe sind entstanden, der Mittelstand läßt sich nicht aufhalten. Geblieben ist bis heute der Fleiß der Menschen, aber auch der Wagemut von jungen Unternehmern.

Homage für Käthe Plümäkers


Erinnerungen einer Wickratherin

Käthe Plümäkers, geb. Winges ist geboren am 25. November 1912 in Wickrath als einziges Kind der Eheleute Anna und Josef Winges (Buchhalter bei Goertz, Kempen und Pongs). Kindheit im „Schatten der Basilika“ in den Häusern der Familie Rente hinter dem Torbogen des Kreuzherrnklosters. Besuch der Volksschule in Wickrath, anschließend Besuch der Marienschule in Mönchengladbach bis zur Mittleren Reife, Kaufmännische Ausbildung und Beschäftigung als kaufmännische Angestellte bei der Firma Goertz, Clay & Co. 1939 Heirat mit Alois Plümäkers, der 1940 eingezogen wurde. 1941 Geburt der Zwillinge Klaus und Peter. Käthe (Katharina Susanna) Plümäkers starb nach kurzer Krankheit am 13.Februar 1996. Hier beginnt die folgende kurze, von ihr selbst im November 1994 aufgezeichnete Lebensgeschichte.

Fast eine ganze Lebensgeschichte

Unter diesen Gedanken stellt Käthe Plümäkers einen Teil ihres Lebens und das Credo bezüglich ihrer Kinder dar. Ich will nicht über meine glückliche Kindheit berichten, die mit dem Tod meines Vaters und dem Krieg ein plötzliches Ende fand. Ich will mein Leben mit Euch, meine Kinder, schildern, was an diesem Leben schön und wichtig war und woran ich mich noch erinnere. Wäre ich nicht im Herbst 1940 zur Garnison Eures Vaters nach Bielefeld gefahren, Ihr hättet nicht das Licht der Welt erblickt. Es war Euer und mein Glück. Ich möchte auch nicht die Kriegswirren schildern – während Eurer Geburt 1941 war kamt sofort in den Keller. Aus Euch Winzlingen von 1 ½ kg wurden sehr schnell kräftige und hungrige Kerlchen, mit denen es im Dezember 1944 in die Evakuierung nach Coswig/Sachsen-Anhalt ging. Von hier ab beginnt meine Geschichte:

Heimweg der Zwillinge Plümäkers (4) mit Mutter und Großmutter aus dem Evakuierungsort Coswig Sachs-Anhalt im Herbst 1945

Niersbote Nr. 36 – 2003

Und was dann?


Von Wittenberg/Lutherstadt schossen die Stalinorgeln, von Dessau die amerikanischen Panzer, dazwischen kamen deutsche Soldaten ungeordnet zu Fuß, flohen auf Fahrrädern, fuhren auf Bauernkarren Munition in die Eibe. An der Elbe lag ein Kohlenkahn voll mit Menschenfracht, vermutlich aus Konzentrationslagern. Das Zuchthaus von Coswig hatte seine Tore geöffnet. Strafgefangene mischten sich unter flüchtende Soldaten und Einwohner. Wir waren. mitten im Kriegszusammenbruch an der Elbe. Auch einige Wickrather beschlossen am 27. April über die Eibe zu fliehen in der Hoffnung, irgendwie nach Hause zu kommen. Wir schlossen uns ihnen an. Es war ein heilloses Gedränge und Durcheinander beim Elbübergang. Zunächst kamen wir bis Wörlitz, einem Ort, 10 km landeinwärts, mit einem Schloß und einem riesigen Schloßpark. Wir suchten uns dort Quartiere und waren verstreut im Ort verteilt. Einige hausten in Pavillons im Schloßpark. Wir lagen mit 13 Personen in einem einzigen kleinen Zimmer auf einem Bauernhof. Nach einigen Tagen erfuhren wir, dass ein paar Familien aus Wickrath nach Gräfenheinischen weitergezogen waren. Sie hatten vor, über die Mulde weiter nach Westen ziehen. In Wörlitz hieß es aber, der Amerikaner lassen niemand über die Mulde; es werde dort scharf geschossen. Wir warteten ab. Um den 7./8. herum schwieg die Front. Der Krieg schien zu Ende. Auch aus der Ferne von Magdeburg her kam kein Kanonendonner mehr. Die Russen zogen in das Gebiet ein, auch nach Wörlitz. Da entschlossen wir uns, nach Coswig zurück zukehren.

Mit großer Mühe erreichten wir die Elbbrücke vorbei an russischen Wachposten, die uns unsere Koffer abnahmen. Ich lief zu der nahe gelegenen Mühle. Dort arbeitete eine russische Lehrerin als Fremdarbeiterin. Sie ging mit und Anna half uns, dass wir die Koffer wieder zurückbekamen. Unser altes Quartier war voll mit anderen Flüchtlingen belegt, aber man schaffte für uns wieder Platz. Das Haus lag gegenüber der Kommandantur. Ein großes Glück für uns Frauen, denn aus den Außenbezirken von Coswig wurden schreckliche Geschichten erzählt von Vergewaltigungen und Plünderungen. Ärzte und Apotheker, die in den letzten Kriegstagen den Befehl erhalten hatten, die Menschen in dem Kohlekahn mit Zyankali zu töten, waren verhaftet worden; ein Arzt hatte sich mit seiner Familie das Leben genommen. Der Befehl konnte durch den Einzug der Russen nicht mehr ausgeführt werden.

Nun sah man diese Jammergestalten in den Straßen von Coswig, dazwischen Regimenter deutscher Gefangener, nur lose vom Russen bewacht. Manchem gelang es, mit Hilfe ziviler Kleider zu türmen. Ich weiß nicht, ob dies auch dem jungen Mann von der Spedition Klein - Wiele gelungen ist, dem wir gekochte Kartoffeln an der Türe geschenkt hatten, Zivilkleidungsstücke bereithielten, die wir ihm aber durch das Dazukommen eines Russen nicht mehr geben konnten. Später zogen Kolonnen von Fremdarbeitern zu Fuß, auf Fahrrädern, auf Hochrädern, mit Kinderwagen und Karren durch die Stadt nach Hause. Dann kamen die Deutschen aus dem Osten.

Niersbote Nr.: 37 – 2003

Ein ungewöhnlicher Treck von Ost nach West


Bis Oktober warteten wir Rheinländer auf Rückkehr in die Heimat, die uns immer wieder versprochen wurde. Dann nahmen meine Mutter und ich unsere Heimkehr selbst in die Hand. Es hieß, bei Heiligenstadt sei die Grenze offen. Man wusste allerdings nichts Genaues. Wir beluden den Zwillingswagen, packten die Zwillinge oben auf den vollbeladenen Wagen und schnallten sie fest, nahmen unsere Rucksäcke und fuhren auf offenen Loren nach Heiligenstadt. Dort wurde in einer Schule übernachtet. Am nächsten Tag ging es dann mit einem teuer bezahlten Ochsengespann durchs Eichsfeld. Wir fuhren den ganzen Tag und wurden abends an einer Chaussee abgeladen. Eine Unzahl von Karren, Fahrrädern, Kinderwagen und viele, viele Menschen lagerten dort am Straßenrand. Russen ritten mit ihren Pferden an uns entlang und trieben uns immer wieder an den Rand der Straße.
Als es dunkel wurde, griffen sie wahllos Frauen aus der Menge heraus und zerrten sie ins Gebüsch. Immer wieder erklang Geschrei.

Meine schlafenden Jungs retteten mich wahrscheinlich vor Schlimmem. Russen lieben Kinder. „Nix Uhre, nix Schnaps“ mehr haben sie mich nicht gefragt und schauten sich mit der Taschenlampe die schlafenden Kinder an. Mitten in der Nacht hörten wir dann ein undefinierbares Rauschen, das immer näher kam. Dann sahen wir viele Menschen mit Koffern, leeren Heuwagen, Kinderwagen und Karren. Sie kamen aus dem Westen und wollten weitere Habseligkeiten aus der Evakuierung nach Hause holen. Es war also Wahrheit, die Grenze war offen. Schließlich setzte sich auch unser Treck in Bewegung in Richtung Westen, zuerst die Leute mit Handgepäck, dann die mit Kinderwagen und zuletzt kamen die mit Handkarren. Wir zogen die ganze Nacht am offenen russischen Schlagbaum vorbei durchs Niemandsland.
Es war stockfinster. Hinter uns fuhr ein Hochneukircher mit seinem Handwagen. „Frau, wat dott ihr eigentlich do vüre, macht doch voran“ hörte ich ihn hinter mir. „Ich mot die Köpp von min Jonges nach ove donn, die rutschen immer eraf“, meine Antwort. Die Zwillinge schliefen, um ihren Bauch festgebunden auf einem schräg gestellten alten Lackkoffer. Am frühen Morgen kamen wir an einen Schlagbaum. Wir waren beim Amerikaner.
Es gab für die Kinder Milchsuppe und für die Erwachsenen Gemüse. Dann wurden wir mit einem Lastwagen zum Göttinger Bahnhof gefahren, von wo aus wir nach 3-tägiger Fahrt zum Teil in Kohlenzügen pottschwarz in Wickrath ankamen. Unser Haus war vom Engländer besetzt, aber es stand noch. Gott sei Dank!

Niersbote Nr.: 39 – 2003

Mein Eigentum……


Wir durften am Tage 2 Stunden in den Garten, mußten von der Chaussee aus im rechten Winkel auf das Grundstück. Frau Prisack und ich waren im Garten und sahen, dass das Haus leer war; die Engländer exerzierten auf dem Sportplatz. Es war uns unter Gefängnisstrafe untersagt, das Haus zu betreten. Trotzdem reizte es uns beide, einmal hineinzugehen. In meiner Küche war eine Motorradwerkstatt. Es sah entsprechend aus. Der Wandschrank unter dem Fenster war zugenagelt. Wir rissen die Türe auf, und ich stand vor meinen Kochtöpfen.
Frau Prisack fand Einmachgläser und jubelte schon, als englische Kontrolloffiziere das Haus betraten. Das Herz stand uns still vor Angst. Während ich mit meinem Schulenglisch glaubhaft machen konnte, daß dies mein Haus sei und die Gegenstände mir gehörten, durfte ich unter Nennung meines Namens mit den Töpfen gehen.
Frau Prisack, um die ich mich in der Aufregung gar nicht kümmern konnte, wurde zwischen zwei Engländern mit aufgepflanztem Gewehr durch Wickrath zum Rathaus abgeführt. Wir mußten beide nicht zum „Spatzenberg“.

Auch ich bekam von Bürgermeister [Franz] Otten [Bürgermeister in Wickrath von März 1945 bis Januar 1946] eine Rüge, ich hätte meine eigenen Kochtöpfe gestohlen.
Schließlich kamen wir im Herbst 1946 wieder in unsere Wohnung. Der größte Teil der Möbel war nicht mehr vorhanden, einige fanden, wir noch in anderen Häusern. Nach gründlicher Reinigung waren wir aber wieder zu Hause. Und dann begann der schreckliche Hunger. Nur derjenige, der schon mal gehungert hat, weiß, was das heißt. Am schlimmsten hatte ich Angst, daß die Jungen verhungerten. Meine Mutter kam vor Unterernährung ins Krankenhaus Maria Hilf. Sie bekam dort pro Tag zwei „Knübbelchen“ Butter. Für eines dieser „Knübbelchen“ fuhr ich jeden Tag nach Gladbach, damit die Jungen wenigstens ein wenig Fett bekamen. Ich habe damals 6 Wochen lang keinen Krümel Fett gegessen.

Ich stand an einem frisch gefüllten, warmen Schweinetrog auf einem Bauernhof. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich hätte zu gern daran genascht. Der Bahndamm, der damals vom Garten aus direkt erreichbar war, reizte direkt zum Kohlenklau. Ich war schon berüchtigt deswegen und fast auch süchtig danach. Wenn ein Kohlenzug ein Signal gab, d.h., er hatte vor dem Rheydter (Güterbahnhof) keine Einfahrt und stand auf der Strecke, lief ich mit Sack und Eimer los, auch mitten in der Nacht. Warm hatten wir es überall, aber davon konnten wir nicht leben.
Eines Nachts pfiff ein Einfahrtssignal. Ich lief los und sah zunächst in der rabenschwarzen Nacht nur den Zugführer mit seiner Taschenlampe. Im Schein dieser Lampe sah ich dann noch einige wenige Gestalten. Der nette deutsche Zugbegleiter gab uns den Rat: „Jot an de letzte Waggon, dat is Nuss III, dä brennt am bäste“.
Die Männer auf dem Bahndamm ließen sich das nicht lange sagen, rissen den letzten Waggon auf und, als der Zug sich in Bewegung setzte, rauschte „Nuss III“ auf die Schienen. Ich weckte das ganze Haus einschließlich der Zwillinge. Mit dem dickbereiften Zwillingskinderwagen fuhren wir Sack um Sack in den Keller. Aber zu essen hatten wir trotzdem immer noch nichts.

Niersbote Nr. 41 – 2003

Der schlimme Hunger


Im Frühjahr 1947 kamen die Jungen in die Schule. Ich nahm von den Dachgauben die glatten Ziegel, ritzte mit einem Nagel Linien darauf, bohrte ein Loch hinein für zwei Tafelläppchen, und so ausgerüstet reisten die Jungen zum ersten Schultag. Ich glaube, zwei schwarze Ledertornister hatten sie von ihrem Onkel erhalten. Im Sommer und Herbst kam darin wieder die große Jagd nach Getreide, Kartoffeln und im Spätherbst auch nach Zuckerrüben. Meine Mutter reiste mit einem Waschkorb bis zum Bahndamm hinter das hinter unserem Garten gelegene Getreidefeld. Sie schnitt die Weizenähren ab und füllte den ganzen Korb. Die Ähren wurden zu Hause auf dem Hof in einen Sack gesteckt, mit dem Teppichklopfer gedroschen, auf dem Kehrblech ausgeblasen und im Eiltempo nach Bähren gebracht, d.h. damals war es noch Bäckerei Schippers.

Dort gab es dafür ein schönes, frisches und noch heißes Brot. Das wurde mit Heißhunger heruntergeschlungen. Es gab Zeiten, da hatte ich morgens überhaupt nichts im Hause. Ich habe Rübenblätter geholt und gekocht, die wir dann als Morgenbrot verspeist haben. Der Hunger war schon schlimm.
Mit Onkel Ernst und mit dem Rad von Tante Agnes, das mit Hartgummireifen versehen war, fuhr ich eines Tages in Richtung Kückhoven. Von weitem sahen wir eine Menge Menschen auf einem Acker. Es gab Kartoffeln in Hülle und Fülle. Man hatte auf dem Acker noch nicht geeggt; er war also noch nicht zum Nachhacken freigegeben worden. Wir gingen an die Arbeit. Im Nu hatte ich mein Säckchen voll. Aber da nahte von weitem über die Stoppelfelder das Verhängnis.
Mit einem Sulky kam ein Bauer angeschossen. Die Männer verschwanden auf den Nachbarfeldern hinter Misthaufen. Ich wollte nach. Aber vor Aufregung kam mein Rücklicht zwischen die Speichen des Fahrrades, und ich konnte mit dem Rad nicht mehr weg. Mit der Peitsche kam der Bauer auf mich zu. Ich weinte: Mein Mann sei vermißt und ich hätte zwei hungrige Mäuler zu stopfen. Er hatte schließlich Mitleid mit mir, und ich durfte gegen Zahlung von RM 2,40 das Säckchen Kartoffeln behalten.

Niersbote Nr. 42 – 2003

Von Hunger, Angst und Überlebenskampf


Um diese Zeit kamen wir auch einmal schnell zu mehrere Zwillingswagen – Fuhren Zuckerrüben, die zu Rübenkraut im Waschkessel verkocht wurden. Es war auf einem Acker in der Nähe vom Günhovener Hof. Ich hackte mühsam Zuckerrüben-Überbleibsel. Die Jungen spielten am Waldrand. Dort hatten sie eine Grube entdeckt, die mit einer Grasmatte zugedeckt war. In ihr befanden sich schöne, dicke, gesunde Zuckerrüben, die sich jemand zur Seite geschafft hatte. Er bekam sie nicht. Die Ernte ging an uns. Weihnachten 1947 hatten wir aber auch gar nichts zu essen im Hause.
Für Klaus und Peter hatte ich ein paar Maismehlplätzchen gebacken, das war alles. Hungrig lief ich weinend zu Schwager Johann. „Hast Du etwa Hunger?“ Ich bekam von ihm die leckersten Leberwurstbrötchen, die ich je gegessen habe, auch für Mutter und die Jungen. Auch so etwas vergißt man nie.

1948 kam die Währungsreform. Wir hatten Herrn Jacobi ein Zimmer hergerichtet, um uns etwas Geld nebenher zu verdienen. Es gab für die Kinder und für mich bis dahin nur eine ganz und gar kleine Wohlfahrtsunterstützung. Herr Jacobi wollte eigentlich zum Reitturnier nach Aachen, das schon wieder stattfand. Als er aber nach Erhalt des Kopfgeldes sein bescheidenes Geld sah, blieb er hier.

Kurz vor der Währungsreform hatten wir Omas Goldgebiß gegen Mehl, ein Stück Speck und ein Huhn eingetauscht. Ich holte diese Sachen mit dem Zwillingswagen bei einem Bauer in Buchholz ab. Das Huhn lebte bis 1955 und bekam bei uns das Gnadenbrot. Es ging noch jeden Abend in den Keller wie vorher seine Genossen. Aber nun gab es plötzlich wieder alles.

Ich weiß heute nicht warum, aber ich gab mein erstes DM – Geld für einen grünen Hut aus. Aufgetan mit diesem Prunkstück und angetan mit meinem noch gut erhaltenen braunen Umstandsmantel aus dem Jahre 1941 habe ich mich bei Goertz, Clay & Co. vorgestellt. Sie hatten mich durch Herrn Jacobi fragen lassen, ob ich wieder dort anfangen wollte. Ich hatte zwar Angst, dass ich nach sieben Jahren Pause alles vergessen hatte, aber es ging besser als ich gedacht hatte. Jetzt begann ein normales Leben.

Von meinem Mann hatte ich nichts mehr gehört, und es sah auch so aus, als ob in Stalingrad nur noch einige übriggeblieben seien. Es mußte also weitergehen. Ich stand mit meinen beiden Söhnen allein. Ich fuhr also in Wind und Wetter mit Zug und Straßenbahn bis. zur Rennbahn, manchmal ging es auch streckenweise zu Fuß. Oma versorgte die Zwillinge. Es war für sie auch eine schwere Aufgabe, denn ich kam nach der langen Fahrt erst abends zurück. Wir konnten uns nicht viel leisten. Die Rente war klein und mein Gehalt auch.
1952 kamen die Jungen auf die Realschule nach Mönchengladbach. Das Gymnasium konnte ich mir für die beiden nicht erlauben, denn man mußte Fahrkosten, Schulgeld und Bücher bezahlen. Wegen der guten Leistungen und auch weil sie Kriegswaisen waren, bekam ich meistens das Schulgeld zurück, aber verlassen konnte man sich nicht darauf.

Niersbote Nr.: 43 – 2003

Endlich Ferien


1953 fing die Motorisierung an. Viele meiner Bekannten konnten sich einen Volkswagen leisten. Ich grübelte und grübelte, wie auch ich an ein fahrbares Untergestell kam. Ich wollte den Jungen doch so gern etwas bieten. Ich war 40 Jahre, und es war wohl die höchste Zeit für einen Führerschein. Aber wie sollte ich das mit dem bißchen Geld schaffen? Da bot sich mir die Gelegenheit, einen gebrauchten Motorroller von einer Fabrikarbeiterin bei Goertz, Clay anzukaufen. Ich faßte Mut und bat den alten Herrn Holtz um einen Vorschuß von DM 600,00, den ich in 10 Raten zurückbezahlen wollte.

Ich bekam also eine „Lambretta“, machte den Führerschein IV, für den man damals nur eine mündliche Prüfung ablegen mußte, konnte aber nicht fahren. Paul Pieper, der damals Schlosser bei Goertz, Clay in Wickrath war, bockte die Lambretta auf dem Fabrikhof auf, und ich lernte zunächst Gänge, Schaltung, Kupplung und Bremse bedienen.
Dann ging es ab auf die Landstraße. Ich brachte meine ganze Courage auf und fuhr schon in den Herbstferien mit den Jungen in den Schwarzwald. Einen Knaben schickte ich mit einer Reisegesellschaft, der ich „mit eigenem Fahrzeug“ angeschlossen war, der andere saß hinten auf. Wir trafen dann im Schwarzwald mit dieser Reisegesellschaft zusammen. Es war herrlich.
Unser Geld war abgezählt, aber wir schafften es. Ich weiß noch, dass Klaus auf der Rückfahrt mit mir fuhr, Peter mit dem Omnibus. Wir hatten nur noch abgezähltes Geld für eine Übernachtung und für Benzin. Es war zwischen Mainz und Bingen an einer Landstraße.
Wir übernachteten in einem kleinen Wirtshaus. Abends kauften wir vom letzten Geld ein Graubrot und tranken Wasser auf unserem Zimmer dazu. Zu mehr reichte es nicht. Aber wir kamen unversehrt nach Hause. Vorher hatte man mir bei Goertz, Clay eine Katastrophe vorhergesagt; es ging aber gut, besser als alle gedacht hatten.

Ich erinnere mich, dass der Herrgott immer mit uns war; niemals regnete es auf der Autobahn, immer schien die Sonne. Übrigens fuhren zu dieser Zeit Schwärme von Motorroller mit „elektrischem Anlasser“. Wie ich die Bezahlung geschafft habe, weiß ich heute nicht mehr. Wir waren immer knapp.
Ich nähte für die Jungen und für mich alle Sachen, Hosen, Mäntel, Hemden, Jacken. Gestrickt wurde nebenher auch.

Mit dieser Lambretta fuhren wir nach St. Johann in Tirol, auch hier einer Reisegesellschaft angeschlossen. Die Autobahnen hatten damals noch nicht so viele Tankstellen wie heute. Hinter der Geislinger Steige, die damals nur über eine Bahn verfügte und die ich damals im Schrittempo fahren mußte, mußte ich auf Reserve schalten. Der Tank hatte jetzt nur noch für 5 – 7 km Benzin. Wo kam die nächste Tankstelle? Es kam wie es mußte, wir mußten über die Autobahn bei brennender Sonne laufen. Nach etlichen Kilometern hatte ein freundlicher Lastwagenfahrer Mitleid und hielt an. Er lud die Lambretta in seinen Werkzeugwagen und mich hinterher. Peter kam auf den Fahrersitz. Ich überstand die Fahrt bis Leipheim in dem stockfinsteren Wagen mit einem furchtbaren Angstgefühl. Wir kamen aber glücklich an der Tankstelle in Leipheim an.

Niersbote Nr.: 44-2003

Es geht weiter.....


Seit 1948 hatten wir den ersten Nachkriegshund. Er hieß Purzel, war ein weißer Spitz und ein Geschenk von Kurt Jacobi. er sah aus wie ein weißes Wollknäuel. 1957 kam die Rentenreform. Ich bekam auf einmal eine Menge mehr Rente, meine Mutter auch. Von der Nachzahlung kaufte ich mir eine "Isetta". Das war ein kleines geschlossenes Wägelchen mit einer Sitzbank; die Vorderseite war zu gleich auch die Einstiegstür. [BMW – Isetta]
Dieses Gefährt durfte ich mit dem Führerschein IV fahren, mußte aber zuerst einmal lernen, von der Lenkstange auf ein Lenkrad umzusteigen, was für mich gar nicht so einfach war. Auch hier fanden sich liebe Menschen, die mir das Fahren beibrachten. Meine erste große Fahrt ging mit den beiden Jungen zum Achensee. Aber es war dort kalt und ungemütlich.

Im nächsten Jahr, so hatten wir uns dort vorgenommen, wird es zum Süden gehen. Klaus war inzwischen Lehrling bei Schagen & Eschen als graph. Zeichner, Peter ging zum Hugo-Junkers Gymnasium.
Lehrer Prinz nahm Peter mit seinem Wagen mit bis zum Gardasee. Ich fuhr mit Klaus hinterher. Das kleine Wägelchen war so beladen mit Zelt und den vielen Utensilien, die zum Zelten notwendig waren, dass Klaus sich schämte. Vor einer Tankstelle mußte ich ihn ausladen; er marschierte an mir vorbei und stieg hinterher wieder zu.

1958 machte ich dann den Führerschein III. Ich brauchte nur wenige Fahrstunden, denn mit der Isetta war ich ja schon über den Brenner gefahren. Ich kaufte den kleinsten und billigsten Wagen, den es gab; einen „Alexander TS“ von Borgward. Jetzt konnten wir ganz feudal fahren. In den nächsten Ferien ging es am Genfer See vorbei über den großen St. Bernhard, durch den zu dieser Zeit noch kein Tunnel führte, zur Riviera. Dort zelteten wir in San Remo, wo wir gleich Wickrather trafen. Im nächsten Jahr ging es wieder zu Sarah an den Gardasee.
Purzel war inzwischen mit 11 Jahren verstorben. Wir holten den nächsten Hund aus dem Tierheim. Es war ein Jagdhund. Die Jungen nannten ihn "Donkey".

Niersbote vom 26.Dezember 2003

60 Jahre nach Stalingrad


Brief, den der in Rußland vermißte Ehemann von Käthe Plümäkers, Alois, aus dem Kessel von Stalingrad geschrieben hat. Dieser Brief war sein letztes Lebenszeichen, ein Zeitdokument, dessen Reflektion über Sehnsucht und Glück nachdenklich stimmt.

Süd-Ost-Front, den 31.12.1942
Meine liebe, gute Käthe,
das alte Jahr 1942 geht seinem Ende entgegen. Ich will den letzten Tag nicht verstreichen lassen, ohne Euch in der Heimat aus weiter Ferne einen Gruß gesandt zu haben. Besonders in den letzten Stunden dieses ereignisvollen Jahres läßt man seine Gedanken zurückgehen und hält einen Überblick, was das vergangene Jahr einem an guten und schlechten Stunden gebracht hat und mit welcher Sehnsucht man an die Liebe in der Heimat gedacht hat und wie schwer es manchmal wurde, diese Sehnsucht nach glücklichen Stunden im schönen Familienkreis zu unterdrücken.

Wie oft hat man mit wachen Augen auf seinem harten Lager gelegen und diese Zeit, diese herrliche Zeit, wo man noch zu Hause sein durfte, zog an einem vorüber. Wie weh war es einem dann ums Herz und doch hat man sich immer wieder hochreißen müssen. Man mußte oft die Gedanken an das so ferne Glück von sich bannen, um nicht ganz die Kraft und den Mut zu verlieren, das Leben hier in Rußland zu ertragen.
Und doch wollen wir unserem Herrgott am heutigen Tage aus vollem Herzen danken für all die Gnade und den Segen, die er uns geschenkt hat. Er hat uns alle gesund erhalten und uns das Schwere tapfer ertragen lassen.

Zu Anfang des Jahres wollen wir ihn aus vollem Herzen bitten, uns auch weiterhin seinen Beistand zu schenken. Das ist mein schönster Wunsch an das neue Jahr, und möge dieser Wunsch seine Erfüllung finden. Euch, meine Lieben, bald sehen zu dürfen, wird mich zum glücklichsten Menschen und mich schnell vergessen lassen, was an Schwerem hinter mir liegt.
Das Jahr in Rußland hat aus mir einen ganz anderen Menschen gemacht. Man hat zu oft dem Tod ins Auge gesehen und gespürt, wie man am Leben hängt. Kein Tag ist vergangen, wo ich nicht unseren Herrgott gebeten habe, er möge mich vor allen Gefahren schützen und mir ein gesundes Wiedersehen mit Euch in der Heimat schenken.
Harte Wochen voll Entbehrungen und Strapazen liegen hinter mir und noch harte Stunden stehen uns bevor. Der Winter mit all seiner Härte hat wieder sein Regiment angetreten und verlangt von uns das Letzte. Tag für Tag greift der Russe an mit starken Kräften und versucht mit allen Mitteln, den im Sommer gewonnenen Boden zurückzuerobern. Er setzt alles ein, was er hat, und um uns ist die Hölle los. Jeder Tag ist für uns eine Nervenprobe, und es gehören schon starke Nerven dazu, um den Mut nicht zu verlieren.

Wie warten wir alle auf die Stunde, wo wir nach den langen Monaten des Einsatzes abgelöst werden und uns die wohlverdiente Ruhe winkt. Man hat viel aufzuholen, und das wollen wir in Ruhe vor allen Dingen besorgen. Ist die schöne Zeit dann gekommen, so wird es auch den langersehnten Urlaub geben.
Wie schön stelle ich mir doch die Stunden vor, die wir mit der Oma und den Bübchen in unserem schönen Heim verbringen. Ich will mich dann richtig verwöhnen lassen und nichts soll mich an die Zeit in Rußland erinnern. Glücklich wollen wir sein und jede Stunde bis zur Neige auskosten.
Über ein Jahr liegt hinter uns, seitdem wir uns zum letzten Mal in Wuppertal die Hand gedrückt haben. Wie viele glückliche Stunden sind uns verloren gegangen und wie oft habe ich mich nach einem lieben Wort aus Deinem Mund gesehnt. Möge uns das kommende Jahr die Erfüllung unserer Träume bringen und uns den Sieg über unsere Feinde schenken und uns für immer zu einer glücklichen Familie in der Heimat vereinen.
Möge der Segen unseres Herrgott’s uns auf allen Wegen begleiten und sein guter Schutzengel uns immer treu zur Seite stehen. Grüße auch Mutter, meine Geschwister, Änni, Karl und alle Bekannten von mir und sei Du, meine liebe Käthe, mit den Bübchen am letzten Tag des Jahres ganz besonders herzlich gegrüßt und innig geküßt von Eurem Alois. Euch allen in der Heimat ein frohes glückliches neues Jahr.

Am 18.06.1943 teilte der Arbeitsstab Stalingrad des Wehrkreiskommandos VI der Frau Käthe Plümäkers mit, daß über das Schicksal ihres Ehemannes, des Gefreiten Alois Plümäkers aus der 16. Panzerdivision der 6. Armee, keine restlose Klarheit erbracht werden könne. Er müsse daher als vermißt angesehen werden.
PS: Bis heute blieb Alois Plümäkers vermißt.

50 Jahre danach:


[Erinnerungen an das Kriegsende von Franz Otten]

Der Katastrophe folgten Stille und Panik

Abschrift aus Niersbote - Nr. 09-1995
Bericht von Hans-Willi Gilles

Lehrer Franz Otten, von den Amerikanern als erster Bürgermeister nach dem Kriege in Wickrath eingesetzt, verfaßte im Februar 1952, sieben Jahre nach dem Inferno, dem Kirche und große Teile von Alt- Wickrath zum Opfer fielen, eine Dankschrift. Dank der Mithilfe des Heimatfreundes Wilhelm Kuhlen ist der Niersbote die erste Zeitung, die ungekürzt berichten kann:


Nach dem Bombenteppich vom 26. Februar 1945 und der nachfolgenden Panik herrschte am 27. eine erdrückende Stille. Selten wagte sich ein Mensch auf die Straße. Geängstigt harrten alle in der größten Ungewißheit der Dinge, die noch kommen mochten. Die tollsten Gerüchte wurden verbreitet. Abgeschnitten von aller Welt, ergab man sich in sein Schicksal, und manches stille Gebet stieg zum Himmel, daß er es gnädig machen möge. Die wenigen deutschen Soldaten konnten keine ernsthafte Verteidigung bilden.

Der heitere, frühlingsmäßige Tag ging zu Ende, die regen feindlichen Krieger gingen zur Ruhe. Morgen mußte der Feind da sein. Schon nachmittags war er bis Buchholz – Wickrathhahn vorgedrungen. Artillerie, die sich am Ende der Rheindahlener Straße aufhielt, zog sich zurück.

Als ich nach langer Nacht beim Morgengrauen die Straße betrat, sah ich auf der anderen Seite in der Wiese von Leonhard Kuhlen eine Abteilung Soldaten. An der Sprache erkannte ich sie als Amerikaner. Ein deutscher Feldwebel, der in Richtung Rheydt ging, wurde von ihnen gefangen genommen und abgeführt. Es war für mich ein wehes Gefühl, das ich bis heute nicht vergessen kann. Eine halbe Stunde später fielen einige Schüsse. Wie wir nachher erfuhren, wurde Herr Karl Quack (Gastwirt) auf seinem Hofe durch Kopfschuß getötet.

Gegen 10.00 Uhr bis 11.00 Uhr fuhren wir erschreckt auf, als amerikanische Soldaten mit den Gewehrkolben die Haustür bombardierten. Wir sollten alle das Haus räumen. Meine Vorstellungen, man möge einen alten Herrn von 86 Jahren, der gehunfähig war, und seine 78-jährige Gattin verschonen, wurden abgelehnt. Als wir bis 1.00 Uhr mit der Räumung zögerten, wollte man uns zwangsweise abführen. Zu zwölf Personen verließen wir das Haus. In Abständen von zehn bis zwanzig Meter standen entlang der Straße Amerikaner mit entsicherten Gewehren. Da der alte Herr nicht mitkommen konnte, liehen wir uns unterwegs einen Heuwagen, in den wir ihn verfrachteten. Man führte uns über Post-, Haupt- und Beckrather Straße zur Firma Görtz, Kempken und Clay. Hier waren vielleicht zweihundert Wickrather Bürger versammelt. Andere mußten nach Herrath. Auf der Sandstraße war ein drittes Sammellager.

Gegen zwei Uhr erschien ein deutschsprechender Amerikaner, der den Bürgermeister suchte. Da dieser sich nach der rechten Rheinseite abgesetzt hatte, wurde ich aus der Volksmenge als Sprecher für den Anwesenden genannt. An der Sandstraße sprach Herr Hugo Lühl, in Herrath Herr Beckmann für die gefangenen Menschen. Gegen sechs Uhr durften wir auf meinen Vorschlag hin in unsere Häuser zurück. An der Sandstraße wurden hingegen alle eine Nacht und in Herrath alle acht Tage festgehalten. Während man uns ungehindert ins Lager führte, wurden die Leute an der Sandstraße schon auf dem Hinwege ihrer Uhren, Brief- und Geldtaschen beraubt.

Was für ein Bild bot sich uns, als wir unsere Häuser betraten! Ich spreche speziell von meinem Hause, und so sah es mehr oder weniger in allen anderen Häusern aus. Sämtliche Lampen, Bilder usw. hingen in Fetzen, die Türen an Schreibtisch und Büfett waren zerschlagen, der Inhalt sämtlicher Schubläden lag auf dem Boden. Das Badezimmer war demoliert, die Marmorplatten vom Waschtisch und von den Nachtschränkchen waren verschwunden, ebenso Tische und Stühle. Ich konnte mir diese tolle Zerstörungswut nur erklären, weil man in meinem Keller den Rock eines Zellenleiters gefunden hatte. Wie dieser dorthin gekommen war, weiß ich nicht. Aber jeder wird wohl bezeugen können, daß ich niemals einen solchen Rock getragen habe.

Durch die Aufregungen des Tages war ich derart erschöpft, daß ich wie tot bis zum anderen Morgen geschlafen habe. Kaum war ich dabei, etwas Ordnung zu schaffen, da erschien erneut der Amerikaner. Wir wurden aufgefordert, die Häuser zu räumen, da sie für durchziehende Truppen benötigt würden. Wir mußten der Gewalt weichen. Kaum waren wir auf der Straße, als deutsches Artilleriefeuer Wickrath belegte. Die Amerikaner erwiderten es. Hierdurch sind viele Schäden entstanden.

Nach diesem Schrecken - Männer und Frauen, Amerikaner und Deutsche, lagen friedlich nebeneinander Plan auf dem Boden -, mußten wir uns eine neue Bleibe suchen. Wir fanden sie im Schillingstal im Hause des Gärtners Bähren. Hier war verhältnismäßig nicht so schlimm gehaust worden.

So wie mir erging es allen auf der Rheydter Straße und auch noch anderen. Hätte nicht jeder in gleicher Weise gehandelt? Wir mußten doch eine Unterkunft haben. Und doch wurde später mancher Vorwurf erhoben. Jeder richtete sich ein, so gut er konnte. Wußte doch keiner, wie lange der Zustand dauern würde.

Durch Anschläge wurde bekanntgemacht, daß die Ausgangszeit zuerst auf eine bis eineinhalb Stunde, später auf zwei Stunden, danach auf längere Zeit festgesetzt sei. Diese Zeit benötigte man zur Herbeischaffung von Wasser. Da die Wasserleitung an mehreren Stellen zertrümmert war, mußten wir auf die Pumpen des Klosters und verschiedener Privathäuser zurückgreifen. Das Trinkwasser war knapp. Zum Waschen wurde Regenwasser genommen. Bei Anbruch der Dunkelheit mußte jeder selbstverständlich zu Hause sein. Das Ungewisse war zermürbend. Wäre die Verwaltung geblieben, so hätte man gewußt, an wen man sich zu wenden hätte. Aber wir waren gänzlich verlassen.

Am fünften Tage nach dem Einmarsch, am 4. März 1945, wurde ich morgens früh gegen sechs bis sieben Uhr von einer erregten Menge geweckt. Man verlangte von mir, daß ich zum Kommandaten, der in Wickrathberg wohnte, gehen und Einspruch gegen die Vergewaltigung einer Frau von der Wickrathhahner Straße erheben sollte. Falls ich nicht dazu gewillt sei, würde man ein paar Amerikaner umlegen. Auf meine beruhigenden Worte und dem nach langem Zögern gegebenen Versprechen hin, zum Kommandanten zu gehen, zog die aufgeregte Schar ab. Da ich nicht die englische Sprache spreche, wollte ich Herrn Karl Arnz als Dolmetscher mitnehmen. An seiner Stelle begleitete mich schließlich dessen Frau. Durch Sturm und Regen ganz durchnäßt, waren wir um zehn Uhr in Wickrathberg, mußten aber bis ein Uhr warten, da der Herr Bezirkskommandant abwesend war. Nach unserer Vorstellung versicherte uns der Kommandant, daß solche Ausschreitungen nicht mehr vorkommen würden. Ich habe auch nichts mehr von weiteren gehört.

Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der Kommandant nach dem Bürgermeister. Auf meine Erklärung, daß wir ohne jegliche deutsche Obrigkeit seien, hat er mich auf Anraten von Frau Arnz zum Bürgermeister von Wickrath bestimmt, doch sollte die Einweisung durch den Kommandanten in Rheydt geschehen, da wir dort zuständig seien. Er würde alles veranlassen. Ich dürfte bis zum Eintreffen des Kommandanten von Rheydt mein Haus nicht verlassen.

Erst am Donnerstag, dem 8. März 1945, erschien der Herr aus Rheydt. Wir waren also praktisch vom 28. Februar bis zum 8. März ohne jede deutsche Autorität. Wer zu dieser Zeit hier anwesend war, der weiß, was sich zugetragen hat. Wer nicht hier war, der kann sich kaum eine Vorstellung davon machen.

Das Regiment, das zuerst einrückte, war nach Aussage eines Offiziers ein Strafregiment. Welche Elemente darin vertreten waren, davon legte die vandalische Zerstörung in vielen, vielen Häusern Zeugnis ab. Hierzu kam, daß einige Hundert zurückgebliebener Fremdvölker, Polen, Russen, Italiener usw. frei schalten und walten durften. Sie standen unter dem Schutz der Eroberer. In den ersten acht Tagen war überhaupt keiner, der entgegentreten durfte oder konnte, und später war es ein großes Risiko, wenn einer es trotzdem wagte.

Da unterdessen die Lebensmittel knapp waren, gingen Frauen und Männer daran, die Läden zu plündern. Ja, die Amerikaner forderten sogar dazu auf. Als ich am 6. März 1945, trotzdem ich die Wohnung nicht verlassen durfte, auf Anruf zur Hauptstraße [heute Quadt Straße] eilte, war man dabei, den Laden von Ecken zu entleeren. Auf meine Vorstellungen hin - ich muß es zum Lobe sagen - verließen alle einschließlich der amerikanischen Soldaten das Geschäft. Aber was war nicht schon alles vergeudet und verdorben?! Und so war es auch in anderen Geschäften. Wer soll nun die Schuld tragen? Man stelle sich einmal vor: Wenn in normaler Zeit acht Tage lang keine Obrigkeit da ist, Türen und Fenster sämtlicher Häuser offenstehen, was wird geschehen? Das brauche ich nicht zu beantworten, das kann sich jeder selbst ausmalen. Ich gebe es zu und entschuldige es auch nicht, was vorgefallen ist. Viele haben gesündigt. Doch, was in Wickrath geschah, das passierte auch in allen anderen Orten, auch in solchen, in denen es eine Obrigkeit gab.

Den größten Schaden aber hat die Zerstörungswut der amerikanischen Soldaten und der Rachedurst der Fremdvölker verursacht. Zu dem kam noch, daß von amerikanischer Seite erklärt wurde, vor zwei Jahren sei an eine Rückkehr der Evakuierten nicht zu denken. Wie manch einer muß heute noch unter dem Vorwurf leiden, sich fremde Sachen angeeignet zu haben! Es brauchte nur einer ein Gerücht zu verbreiten, mag es noch so windig und erlogen sein, stets glaubt die große Masse, daß kein Rauch entstehen kann, es stamme denn von einem Feuer und daß keine Nachrede umlaufen könne, die nicht irgendwie auf Wahrheit beruhe. Und dabei kann jeder, der graue Haare hat und mithin den Lauf der Welt kennt, wohl bestätigen, daß von hundert häßlichen Gerüchten meist keins der Wahrheit entspricht. Aber die Menschen sind so, sie glauben gerne jede Niedertracht und dulden kein Lob. Erzählt nur etwas Niedriges von einem guten Menschen, und man wird euch schmunzelnd glauben, aber erzählt etwas Gutes, so wird man euch gelangweilt sagen: „Geh, du übertreibst.“ Wenn jeder doch die Worte unseres größten Dichters beherzigen wollte, der in seinem Götz von Berlichingen sagt: „Eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man soll sie hören alle beide!“

Von allen Beamten der Gemeinde war keiner mehr vor Ort. Alle waren am 26. Februar 1945 mit Bürgermeister Dißmann auf Befehl des Ortsgruppenleiters und Kreisleiters Menzen evakuiert. Als einziger Angestellter meldete sich Herr Hans Joeres, der mir, solange es ihm möglich war, sehr viel geholfen hat. Von den Frauen waren mit einer Ausnahme - alle geblieben. Welcher Gegensatz zu unserer Nachbarstadt Rheydt! Hier war die Verwaltung vollzählig. Nur eine Dame war der Panik verfallen. Sie soll nie mehr eingestellt worden sein. Mit der Polizei hatte sich auch die Feuerwehr zur rechten Rheinseite abgesetzt. Von den Ärzten verließen uns Dr. Cramer und Dr. Voß. Dr. Bous weilte wegen Krankheit schon seit Januar in seiner Heimat zur Erholung. Die beiden katholischen Geistlichen, Oberpfarrer Dr. Lohmann und sein Kaplan Esser waren Opfer der Bombenangriffe vom 26. Februar 1945 geworden. Herr Apotheker Schwarz und Herr Zahnarzt Bresser sowie die gesamten katholischen Ordensschwestern im Krankenhaus waren Gott sei Dank geblieben.

Die Inhaber oder Leiter unserer industriellen Werke mit ihren führenden Beamten waren auch alle da. Ich habe es keinem verdacht, wer nicht unbedingt hier benötigt wurde, wenn er sich rechtzeitig in Sicherheit brachte. Auch ich wäre zu meiner Familie auf die rechte Rheinseite gereist, wenn ich eine Fahrgelegenheit gehabt hätte. Aber lieber wollte ich schon hier in meinem Hause Zugrundegehen, als auf einem Fußmarsch von über dreihundert Kilometern irgendwo an der Straße verkommen.

Als ich den ersten Schritt ins Rathaus setzte, verging mir zunächst etwas der Mut. Wie sah es hier aus? Türen, Fenster waren durch den Luftdruck des Bombenteppichs herausgedrückt, das Dach hing in Fetzen, Zimmerdecken beugten sich durch, Mauem waren gerissen. Sämtliche Schränke und Schreibtische waren umgestürzt, der Inhalt auf dem Boden verstreut, alle vorhandenen Maschinen zertrümmert. Die Bilder waren mit Tinte verschmutzt. Dazu hatte es in den letzten Tagen dauernd geregnet. Die Gemeindekasse und Gemeindesparkasse waren nur noch Trümmer. Licht und Wasser gab es nicht mehr. Eine Volkszählung nach ungefähr drei Wochen zeigte, daß von den rund 9.000 Einwohnern 5.400 zurückgeblieben bzw. heimgekehrt waren.

Hans-Willi Gilles : Hier bricht der Bericht ab bzw. war bis heute eine Fortsetzung nicht zu finden.

Egidius Post , Kuckum, hat in einem Nachwort zum Brief von Franz Otten geschrieben:
Entschuldigend für die abwesenden Beamten und die leitenden Männer der Ortsverwaltung ist, daß viele von ihnen zunächst im Zuge der Einberufung zur Wehrmacht im Heere oder seinen Einrichtungen tätig waren, und nicht hier sein konnten, so der jetzige Gemeindedirektor Karl Eßer . Andere waren dem Befehl der Parteileitung gefolgt und auf die andere Rheinseite mitgezogen, viele waren auch evakuiert. Es stimmt jedoch, daß zur Zeit des Einzugs der Amerikaner niemand von maßgebenden Männern zugegen war und die einzelnen Ortschaften auf sich selbst gestellt dem Ansturm gegenüber standen.

So kann ich von Kuckum aus bestätigen, daß die Schilderungen von Herrn Franz Otten durchaus der Wahrheit entsprechen. Daß nur die Anwesenheit führender Leute, die Bevölkerung vor dem Schlimmsten bewahren konnte, ist unbestritten.


Abschrift aus einer unbekannten Zeitung jener Zeit

Unbekanntes Datum
Quelle: Niersbote Nr. 09-2004

Pfarrhaus-Keller wird zum Grab

Wickrath erlebt am 26. Februar 1945 den dunkelsten Tag seiner Geschichte. Bis jetzt hat diese Gemeinde im ersten Großangriff am 30. August 1943 und noch einmal am 28. August 1944 Todesopfer und Gebäudeschäden zu beklagen gehabt. Viele Familien haben ihre Heimat verlassen und sich auf rechtsrheinischer Seite oder evakuiert in Sachsen und Thüringen. Wegen der unsicheren Lage gibt es keinen Schulunterricht mehr. Ostarbeiter, hauptsächlich Russen und Polen, heben fieberhaft Schützen- und Panzergräben aus, Hindernisse, die sich nicht als solche erweisen werden. Die Unruhe in der Bevölkerung steigt weiter an, als die Auswirkungen des Angriffs auf Rheindahlen bekannt werden.

Immer mehr Menschen verlassen fluchtartig, gerade mit dem Nötigsten versehen, Haus und Hof, andere kommen gerade an: aus der Rurgegend und aus dem Erkelenzer Raum. Bei strahlendem Sonnenschein bleibt der Vormittag des denkwürdigen 26. Februar 1945 noch ziemlich ruhig. In die Mittagsruhe platzt wohlbekanntes Sirenengeheul. Es ist 14.15 Uhr. Nach weniger als einer Minute haben zwei Bombengeschwader aus Richtung Beckrath anfliegend ihre tödliche Last ausgeklinkt. Einige Bomben haben das Schloß getroffen, weitaus schlimmer sieht es in der Odenkirchener Straße und in der Schaumburggasse aus, wo ganze Häuserreihen vernichtet sind. Im Ortskern sind Kirche und Pfarrhaus völlig zerstört, viele Häuser, darunter das Rathaus, schwer beschädigt.

Schrecken verbreitet sich, als jemand berichtet, im Keller des Pfarrhauses müßten außer dem Oberpfarrer Dr. Lohmann und Kaplan Esser noch mehr als ein Dutzend Leute sitzen. Auf Rufen und Klopfen kommt keine Antwort. Erst viele Tage später werden die beiden Geistlichen und weitere 16 Wickrather aus dem Keller geborgen und beerdigt. An diesem Tag haben – wie später gezählt wird – insgesamt 28 Menschen des Tod gefunden. Der Angriff veranlaßte weitere Familien, Hals über Kopf, zu Fuß, mit dem Rad oder einem Pferdefuhrwerk die Flucht hinüber zur rechten Rheinseite anzutreten. Brände können nicht gelöscht werden, weil die Feuerwehr ihre Wagen und Geräte abgezogen und in Sicherheit gebracht hat. Wasser- und Stromversorgung funktionieren nicht mehr. Im Ortskern Wickrath sind nur noch etwa tausend Menschen, innerhalb des ganzen Gemeindegebietes sind es noch 5500 von ursprünglich mehr als 9000. Auch die Beamtenschaft im Rathaus und die Polizei sind weg, kein Arzt ist mehr da, der Ortsgeistliche tot.

So erlebt die Gemeinde den 28. Februar, als frühmorgens von Mennrath kommend die ersten Amerikaner den Ort besetzen. Am Vortag hatten die Amerikaner von Süden her Kuckum und von Westen vorstoßend die Orte Buchholz und Wickrathhahn bereits eingenommen.

Zug um Zug müssen jetzt alle Bewohner ihre Häuser verlassen, um in Sammellager geführt zu werden: An die 200 Leute sind in der Fabrik Görtz. Andere müssen bis nach Herrath gehen. Ein drittes Lager ist an der Sandstraße. Uhren, Geld und Wertsachen werden abgenommen. Im Sammellager der Firma Görtz befindet sich auch Franz Otten, der in Wickrath über drei Jahrzehnte als Lehrer gewirkt hat. Als ein amerikanischer Soldat nach dem Bürgermeister fragt, erfährt er nur, daß der sich bereits am 26. Februar über den Rhein abgesetzt habe. Darauf benennen die Anwesenden Franz Otten zu ihrem Sprecher.

Schon bald werden die Lager aufgelöst, aber an ein Heimkehren ist kaum zu denken, da sich in die meisten Häuser Amerikaner einquartiert haben. Die Ausgehzeiten werden auf eine bis eineinhalb Stunden, später auf zwei Stunden festgesetzt. Diese kurze Zeitspanne wird auch bitter benötigt, um Eßbares und vor allen Dingen Wasser zu besorgen, und zwar an den wenigen noch intakten Pumpen, da das Rohrnetz an vielen Stellen beschädigt ist. Auch die Stromversorgung bleibt noch lange aus, ebenso Straßen- und Eisenbahn sowie Post und Fernsprecher.

Am 3. März wird Franz Otten früh aus dem Schlaf gerissen. Eine aufgeregte Menge berichtet ihm, in der Wickrathhahner Straße sei eine Frau von zwei amerikanischen Soldaten vergewaltigt worden. Nur mühsam gelingt es Otten, die Leute zu beruhigen und von Vergeltungsmaßnahmen abzubringen. Da Wickrath selbst keinen Ortskommandanten hat wie alle Orte der Gemeinde, - steht unter der Kommandantur von Rheydt – muß Otten nach Wickrathhahn zum dortigen Distriktkommandanten. Der geht kaum auf den Vorfall ein, er erkundigt sich nach dem Bürgermeister. Franz Otten erklärt die Lage, worauf der Kommandant ihm zum Bürgermeister bestimmt, was Otten nur schweren Herzens annimmt, da ihm die Folgen einer eventuell zurückkehrenden deutschen Armee bewußt sind. Was Franz Otten nicht weiß: er wird das Amt noch bis zum 6. Februar 1946, also fast ein Jahr lang, ausüben. el.

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 28. Februar 2010 )