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Chronik 1 Bruderschaft Wanlo

Erster Teil der Chronik der
St. Antonius - St. Sebastianus - Bruderschaft - Wanlo 1400

Rückblick
Laudatio von Christoph Nohn
Chronik von Uta Kirsten Remmers 1996

Rückblick


Das Gründungsjahr unserer Bruderschaft ist belegt im alten Schreibbüchlein des Pfarrers Johannes Vitenius [Johannes Viten, Pfarrer in Wanlo von 1636 bis 1658] von 1642:

"ErbRehntten so noch in rede undt der Bruderschafft St.Antonij undt Sebastiani zustendich welche bruderschafft auffgericht ist Anno 1400".

[siehe auch Laudatio von Christoph Nohn aus dem Jahre 2000]

Über die eigentliche Geschichte der Bruderschaft gibt es am Anfang fast keine Aufzeichnungen. Sie ist aber eng mit der Geschichte Wanlos verbunden. Neben den schon an anderen Stellen angeführten Belegen vom Schreibbüchlein, der Bruderschaftsglocke und dem Schützensilber gibt es noch weitere Unterlagen der Bruderschaftsgeschichte.
Aus dem Bericht des Landdechanten von 1553 geht hervor, daß die Bruderschaft einem der Vikare 4 Malter Roggen gab, da im Krieg aus der Vikarie 6 Malter Roggen versetzt worden waren. 1559 gab die Bruderschaft dem Küster für die Erziehung der Jugend 3 Malter Roggen. In einer Aufstellung von Renten von 1675 bis 1713 erhält die Bruderschaft Roggen, Wachs und Geld.
Aus dem vorgenannten Besitz ist leicht die soziale Stellung der Bruderschaft abzuleiten, welche aus ihren Stiftungen caritativ wirksam wurde.

In Zeiten verheerender Pestepidemien übernahm die Bruderschaft die Kranken-, Armenbetreuung, Altenhilfe und ähnliches. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen und später in der Reformation übernahm sie den Schutz des Dorfes und der Prozessionen.

Damit verbunden nahm das mittelalterliche Schützenwesen seinen Einfluß. Man wollte den besten Schützen, den König ermitteln. So pflegte man den Brauch des Vogelschusses und der Sieger, mit Silber geschmückt, nahm an den Aufzügen der Prunk und an den Prozessionen, besonders an Fronleichnam, teil.

Die Eheleute Jakob Jung und Gertrud Peltzer nahmen bei der Bruderschaft am 13. April 1776 ein Darlehen von 50 Reichstalern auf. Der Zinssatz betrug jährlich 2 ½ Reichstaler.
Johann Quack lieferte der Bruderschaft zu Wanlo eine jährliche Erbrente von 6 Viertel Roggen. Als Unterpfand diente ½ Morgen Land an der "Malzhecken".
Von dieser Erbpacht liefern Irmgardis Quack und ihr Ehemann Conrad Schröder 2 Viertel und setzen als Unterpfand ½ Morgen Land am "Heiligen Häusgen", wo alljährlich der Vogel geschossen wird.....
So geschehen am 5. Mai 1784. Es unterschrieben unter anderen Pastor Hoffmann [Franz Anton Hoffmann, Pfarrer in Wanlo von 1779 bis 1814] und Johann Gerardus Hoynen als Brudermeister.

Das an der Kuckumer Straße gelegene Heiligenhäuschen hat über dem Eingang das Datum 2. Juni 1667 eingeschnitzt. Auf dem inneren Balken ist zu lesen: "Dieses Haus hat Bertram Heinrichs und Tringen Ecken zur Ehren Gottes gebaut".
Dieses Kapellchen hatte einen Vorgängerbau, der 1535 als Hylgen Huys [Heiliges Haus] erwähnt wird.

Am St. Matthiastage, 24. Februar, wurde dort seit alters ein freier Jahrmarkt abgehalten. Außerdem fand in Wanlo ein Schweinemarkt statt, auf dem die Bauern der weiteren Umgebung ihre Schweine verkauften oder Zuchttiere einkauften, am Tage Simonis et Jude, 28. Oktober.
Daher stammt die Straßenbezeichnung Schweinemarkt.

Am 18. Mai 1801 wird die Bruderschaft St. Antonius und Sebastianus auf Antrag der Brudermeister Lambert Heinen und Andreas Wirtz unter dem Pfarrer Franz Anton Hoffmann [s.o.] mit Zustimmung der ca. 200 Brüder erneuert.
In 5 Artikeln werden Vorschriften für das Bruderschaftsleben erlassen. Es erfolgt der Zusatz Marianische.

Der Maler Hubert Otten aus Erkelenz verbürgt sich am 15. Mai 1829 dafür, daß die Farbe der heute gelieferten Wanloer Bruderschaftsfahne Sonne und Luft vertragen kann ohne zu verblassen.
1842 ist vermerkt, daß es eine Fahne mit Muttergottes - Darstellung gab.

Im ersten von drei Geschäftsbüchern beginnen 1843 Aufzeichnungen u. a. über die Regeln und Ordnungen von 1801, Auflistung der Mitgliederbewegungen, des Vermögens, vorhandene Silberschilde bis hin zur Schilderung der Jahresabläufe von 1922 bis 1936.

Der Gesangverein Concordia Wanlo schenkte der Bruderschaft 1855 eine schwarzseidene Trauerfahne.
Am 7. Mai 1894 wurde der Schützenbruder Johann Thomaßen durch einen unglücklichen Schuß beim Festzug getötet. Man marschierte damals mit echten Gewehren. Daraufhin ruhte das weltliche Leben der Bruderschaft bis 1922. In dieser Zeit verfielen die Bruderschaftsrenten.
Laut der Kuckumer Dorfchronik wurde in dieser Ruhezeit ein Teil des Vermögens für den Bau des Bruderschaftskreuzes an der Hochstraße verwendet.

Kirchlich belebte Pfarrer Georg Hütten [1908 – 1927 Pfarrer in Wanlo] 1909 die Bruderschaft neu.
Auszug aus dem Aufnahmezettel von Pfarrer Georg Hütten vom 17. Januar 1909:
>Der heilige Antonius, Einsiedler, gestorben 356, gebürtig in Egypten, war der Sohn reicher Eltern. Ergriffen von dem Worte des Herrn: "Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib es den Armen", verschenkte er seine Güter und begab sich in die Einsamkeit einer fernen Wüste.
Der Ruf seines frommen Lebens zog viele eifrige Männer zu ihm in die Wüste, und sein Beispiel begeisterte zu zahlreicher Nachahmung. Auf das dringende Bitten seiner Schüler hin übernahm der Heilige ihre Leitung und stiftete so das erste Männerkloster. Antonius starb in dem hohen Alter von 105 Jahren.
Wegen der Versuchungen des Heiligen wird derselbe gewöhnlich mit einem Schwein, welches als unreines Tier den Teufel vorstellen soll, abgebildet<.

Am 23. Januar 1922 beschloß man, die Prunkfeierlichkeiten nach althergebrachter Weise wieder durchzuführen.
Drei Wochen vor der Prunk war der Vogelschuß, die sechs Wochen nach Ostern stattfand. Die zeitliche Regelung des Vogelschusses ist jahrzehntelang beibehalten worden.

Während der weltlichen Ruhezeit von 1894 an, verkaufte der Brudermeister Johann Katz aus Kuckum die Königskette für 150 Mark an einen Trödler. (Kuckum gehörte bis 1909 zur Wanloer Bruderschaft). Über diesen gelangte sie in das Museum nach Krefeld.
Im Jahre 1922 - von der Wanloerin Anna Neisen im "Kaiser Wilhelm Museum" in Krefeld entdeckt - konnte die Königskette wieder in den Besitz der Bruderschaft zurück gelangen.
Die Herren Theodor Heinen und Heinrich Klaes wurden vom Vorsitzenden der St. Antonius-Bruderschaft Martin Jülicher beauftragt, die Kette beim Oberbürgermeister der Stadt Krefeld abzuholen.

Unter dem Nationalsozialismus wurden die religiös geprägten Bruderschaften, die sich 1928 zur "Erzbruderschaft vom Heiligen Sebastianus", dem heutigen "Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften", zusammenschlossen, verboten. Sie wurden in Schützengesellschaften umgewandelt.
Ein letztes Protokoll im Mai 1936 läßt für unsere Bruderschaft auf diesen Zeitpunkt schließen. Dennoch gab es bis einschließlich 1939 Schützenfeste.

Am 12. September 1948 wurde unter Pfarrer Adolf Gau [1947 – 1957 Pfarrer in Wanlo] der einstimmige Beschluß gefaßt, die Feierlichkeiten, religiöser und weltlicher Art, wie vor dem Kriege zu begehen. Seit 1949 werden in mehr oder weniger gleicher Weise Prunkfeierlichkeiten abgehalten.

Im August 1988 fand eine Protestveranstaltung gegen den Verlust der Heimat "Rock gegen Rheinbraun", welche die Bruderschaft mit der Bürgerinitiative "Nein zu Garzweiler II", unter Beteiligung von rund 5.000 Besuchern auf dem Wanloer Marktplatz durchführte.
Nicht zuletzt hat dies auch dazu beigetragen, daß wir vom Braunkohletagebau verschont werden.

Mitte der achtziger Jahre wurde ein weiterer Schritt für eine Zukunft der Bruderschaft getan. Unter der Leitung von Theo Schiffer wurde eine Jungschützengruppe ins Leben gerufen. Aus dieser ging 1995 der "1. Jägerzug Wanlo" hervor.

Im Jahre 1991 wurden neue Satzungen beschlossen und die Bruderschaft ins Vereinsregister eingetragen. Der Name der Bruderschaft ist: St. Antonius–Sebastianus Bruderschaft Wanlo 1400 eV.
Auch wurde zu diesem Zeitpunkt beschlossen, daß sich auch Schützenschwestern um die Königswürde bewerben können.

1995 nahm man Abschied von den liebgewonnen Veranstaltungen im Festzelt. Man zog unter der Regentschaft der ersten Königin in Wanlo’s langer Geschichte, Raphaela Weber, in die neue Mehrzweckhalle ein. Nach anfänglichen "Unwohlsein" fühlt man sich heute dort sehr wohl.

Im Jahre 2000 feierte die Bruderschaft ihr 600-jähriges Bestehen. Der Vorstand um Brudermeister Franz Moll und eine kleine Schar von Bruderschaftlern haben in drei Jahren Vorbereitung ein Riesenfest auf die Beine gestellt. Mit unterschiedlichen Programmen wurde sechs Tage gefeiert.
Höhepunkt war der große Schützenumzug am Sonntagnachmittag mit zwei Paraden, an dem Abordnungen aus dem Bezirksverband Mönchengladbach-Rheydt-Korschenbroich, sowie aus dem Umland teilnahmen.
Als Schirmherr der 600- Jahrfeier konnte der Chef der "Raiffeisenbank Mönchengladbach", Herr Lothar Erbers gewonnen werden.

Zur 600-Jahrfeier wurde weiter beschlossen, einen Bauern- und Handwerkermarkt zu veranstalten. 4 Wochen nach der 600Jahrfeier wurde dieser rund um die Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt durchgeführt.
Mit über 2500 Besuchern wurden alle Erwartungen übertroffen, so daß man beschloß, diesen Bauern- und Handwerkermarkt alle 2 Jahre zu wiederholen. 2002 kamen über 3500 Besucher und so erhofft sich die Bruderschaft, auch 2004 an die erfolgreichen Vorjahre anzuknüpfen.

Im Jahr 2004 kam ein Umschwung in den Vorstand der Bruderschaft und somit auch in die Bruderschaft.
Nach knapp 20 Jahren wurde neben einem neuen Vorstad u.a. ein neuer Brudermeister gewählt. Franz Moll stand aus persönlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung. Auch alle anderen Vorstandsmitglieder der "Grünen" legten ihre Posten nieder. Sie wollten nur kandidieren, wenn alle Vorstandsposten aus der Gruppe der Chargierten kämen.
Aber sie hatten die Rechnung ohne die Versammlung gemacht!
Der Neugewählte Vorstand setzt sich, vier Wochen vor der Prunk, wie folgt zusammen: 1. Brudermeister: Andreas Klauth,
2. Brudermeister: Michael Schmitz,
1. Geschäftsführer: Thomas Beckers,
2. Geschäftsführer: Christian Giesen,
1. Kassiererin: Marlene Katz,
2. Kassierer: Mark Stockums,
Beisitzer: Rouven Bohnen, Hubert Becker, Marcel Schiffer, Mark Keuter.
Archivar: Willi Wirtz.
Chargierte wurden keine gewählt! Diese bestimmt die Gruppe der "Chargierten".

Die Prunkfeierlichkeiten 2004 konnte man durchaus unter dem Motto – Frauen an die Macht – sehen. Mit Königin Anneliese Schiffer, ihr zur Seite die beiden Ministerinnen Gertrud Klauth und Hella Becker, steht die zweite weibliche Majestät in der über 600-jährigen Geschichte der Wanloer Bruderschaft an der Spitze. (Wiederum aus der Gruppe "Rote Husaren"!). Die Königin und ihre beiden Ministerinnen können jeweils auf 25-jährige Mitgliedschaft in der St. Antonius - Sebastianus Bruderschaft Wanlo zurückblicken


Laudatio von Christoph Nohn


Die St. Antonius – St. Sebastianus Bruderschaft Wanlo


Eine Laudatio auf die Bruderschaft St. Antonius – St. Sebastianus hier in Wanlo zu halten, ist kein ganz leicht zu bewältigendes Unterfangen. Nicht, daß es da nichts zu würdigen gäbe, denn der lateinische Begriff laudatio bedeutet nichts anderes als Lobrede oder feierliche Würdigung! – Nein! Das Problem liegt an ganz anderer Stelle: an der der Quellen!

Da wir keine regelmäßige Überlieferung zur hiesigen Bruderschaft haben, ist über weite Strecken nur ein sehr lückenhaftes Bild des Wanloer Geschehens zu gewinnen. Das gilt vor allem für die frühe Zeit. Je weiter wir allerdings an unsere heutige Gegenwart herankommen, desto reichlicher fließt die Überlieferung, ohne daß wir jedoch sagen könnten, über die jüngere Zeit in vollem Umfange informiert zu sein. Übrigens stellt diese gerade geschilderte Problematik keineswegs eine ausschließlich Wanloer Eigenheit dar: Die meisten Bruderschaften haben mit einer ganz ähnlichen Situation zu kämpfen, und damit fügt sich die Wanloer Gemeinschaft nahtlos in die allgemeinen Verhältnisse hinsichtlich des Bruderschaftswesens ein.

Was aber ist nun hinsichtlich der St. Antonius – St. Sebastianus – Bruderschaft überliefert? Wie sind diese Quellen zu bewerten? Fügen sich die dort enthaltenen Nachrichten ein in die allgemeine Entwicklung? Kann man von dieser eventuell sogar auf Aspekte schließen, die in Wanlo selbst nicht überliefert sind? Kurz und knapp: Welches Bild ist heute noch von der Wanloer Bruderschaft zu erschließen? – Und nicht zuletzt möchte ich, da es sich bei diesem Vortrag um eine Laudatio, also eine Würdigung handelt, fragen: Was läßt sich über die Bedeutung der Gemeinschaft in den unterschiedlichen Epochen ihrer Existenz für die Menschen und damit für die Dorfgemeinschaft Wanlo sagen? – All diese Fragen – und man könnte hier noch weitere stellen – sind eng miteinander verknüpft. Zu ihrer Beantwortung möchte ich Sie einladen, sich mit mir zunächst einmal in das Jahr 1642 hineinzuversetzen, in ein Jahr also, auf das die Jahreszahl 1400 zurückgeht, an der das diesjährige Jubiläum festgemacht wird.

Der Wanloer Pfarrer Johannes Vitenius hat uns ein kleines Büchlein überliefert, in das er folgenden Vermerk geschrieben hat: "Anno 1642, 17 Jan < uarii > Hessij occuparunt patriam Juliacensem simul et Coloniensem non sine damno" - Am 17. Januar 1642 haben die Hessen nicht ohne Schaden das Jülicher wie auch das Kölner Vaterland besetzt!

Was war geschehen?
Wir befinden uns zu jener Zeit in der Endphase des Dreißigjährigen Krieges, in der am Niederrhein der berüchtigte sogenannte "Hessenkrieg" begann, der unsere Gegend über Jahre hinaus in Atem hielt. An dem genannten 17. Januar 1642 hatten nämlich unter anderem hessische Truppen, von jenseits des Rheins kommend, ein kaiserliches Heer bei Krefeld – Hüls vernichtend geschlagen. Die Folge dieser Niederlage bekamen vor allem Kurköln und das Herzogtum Jülich, zu dem Wanlo zählte, zu spüren: Den hessischen Truppen stand nun der Weg nach Süden offen, und das Land war ihnen schutzlos preisgegeben.

So ist es nicht weiter verwunderlich, daß auch das kleine Dorf Wanlo bald von dem Geschehen tangiert wurde. Aus dem kurkölnischen und Wanlo fast benachbart gelegenen Odenkirchen ist für den 26. und 27. Januar 1642 eine hessische Besatzung bezeugt, aus Rheindahlen für den 8. und den 13. Februar, aus Gladbach für den 8. und den 15. Am 25. Februar 1642 plünderten hessische Einheiten Rheindahlen, und ein solches Unheil brach auch über Wanlo herein, ohne daß ein konkretes Datum bekannt wäre. Die Lage wurde sogar so brenzlig,. daß Pfarrer Vitenius es vorzog, sich in den Schutz seiner befestigten Heimatstadt Erkelenz zu begeben, wo er über ein Jahr blieb! Und das zeugt schon von der anhaltenden Brisanz der Lage!

Ich berichte das, weil Pfarrer Vitenius zu einer friedlicheren und späteren Zeit "nach dem armseligen hessischen infall inß vatterlandt" – wie er es ausgedrückt hat – daranging, alle diejenigen Daten (z.B. wirtschaftlicher Art) in seinem bereits erwähnten Schreibbüchlein aufzuzeichnen, über die offenbar keine Unterlagen vorhanden und die von Bedeutung waren. Es muß also spätestens durch die Hessen viel vernichtet worden sein.

Vitenius hat in diesen Aufzeichnungen auch versucht, die Einkünfte der Bruderschaft zu dokumentieren. In seinem "Schreibbüchlein" heißt es an entsprechender Stelle als Überschrift: ErbRehntten so noch in rede undt der Bruderschafft St.Antonij undt Sebastiani zustendich welche bruderschafft auffgericht ist Anno 1400. Da ist also die Rede von den regelmäßigen Einkünften der Bruderschaft, die "noch in rede" seien, von denen man also noch wußte. Schriftliches zur Bruderschaft war damals wohl nicht vorhanden. Und diese Feststellung deutet darauf hin, daß die Bruderschaft offenbar einen Einschnitt erlebt hatte.

Diese Feststellung hat aber Konsequenzen für das Entstehungsdatum, das Vitenius mit "Anno 1400" angibt: Dem Pfarrer wird nach all den kriegerischen Ereignissen kaum noch eine Gründungsurkunde aus dem Jahre 1400 vorgelegen haben, sofern es diese überhaupt je gegeben hat. Vielmehr dürfte sich in dem Datum eine Erinnerung daran spiegeln, daß die Zeit um 1400 in der Tat eine Epoche darstellte, in der zahlreiche Bruderschaften entstanden sind, denn einem einigermaßen gebildeten Menschen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird diese Tatsache noch bewußt gewesen sein. So stellt diese Angabe "Anno 1400" wohl nur eine ungefähre Richtschnur dar, eine Hilfskonstruktion, mit der Vitenius das hohe Alter der Gemeinschaft bezeichnen wollte. Wir dürfen dies also sicherlich nicht wörtlich nehmen!

Allerdings gibt es ein paar Umstände, die eine Entstehung der Wanloer Bruderschaft im 15. Jahrhundert wahrscheinlich machen:
* Da ist erstens die Tatsache, daß die im Gladbacher Raum im Mittelalter nachweisbaren Bruderschaften meist in der Zeit kurz vor 1400 oder im anschließenden 15. Jahrhundert erstmals belegt sind (z.B. Wickrath = 1418; Odenkirchen = 1483; Giesenkirchen = um 1380; Korschenbroich = 1425; Gladbach = 1399).

* Zum zweiten müssen hier die Schutzpatrone der Bruderschaft, die Heiligen Antonius und Sebastianus genannt werden. Beide waren im Spätmittelalter sehr populär, weil sie als Fürsprecher bei Gott für bestimmte Anliegen galten, die die Menschen damals stark bedrängten. Man rief den heiligen Sebastianus gegen die Pest und den heiligen Antonius vor allem gegen das Antoniusfeuer sowie ebenfalls gegen die Pest an. Das Antoniusfeuer war dabei ein den Menschen bedrohender Pilzbefall des Getreides. Darüber hinaus galt der heilige Abt auch als Schutzpatron des Viehs. Hier ging es also um Grundlagen der menschlichen Existenz.

Daß die Pest, auf die also sowohl der heilige Sebastianus als auch der heilige Antonius verweisen, seit dem Spätmittelalter die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, ist seit dem Einschleppen der Krankheit und der darauf folgenden ersten großen Pestwelle, die 1350 auch den Gladbacher Raum erreichte, kein Wunder. Zu groß waren die Opfer: Man geht heute von etwa 20 % der Bevölkerung aus, die während der ersten Pestwelle hier am Niederrhein starben. Während der folgenden Epidemien bis in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts hinein rechnet man heutzutage mit bis zu 10 % Verlust.

Die beiden Patrone geben damit Aufschluß über einen Aspekt, der eine Würdigung der Bruderschaft ermöglicht. Die Menschen, die sich in dieser brüderlichen und damals auch sicherlich schwesterlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen hatten, wollten angesichts der genannten Bedrohungen gegenseitig für sich wie für ein Familienmitglied beten und füreinander eintreten.

Daß die Menschen des Spätmittelalters überhaupt dazu kamen, sich auf gewissermaßen privater Basis zu solchen Bruderschaften zusammenzuschließen, liegt u.a. in einer bestimmten Entwicklung der Frömmigkeit und in einer Umgestaltung der familiären Verhältnisse begründet: Die älteren größeren Sippenverbände lösten sich auf und eine Familienform trat an ihre Stelle, die sich immer weiter der modernen Kleinfamilie näherte. In diesem Zerfallsprozeß innerhalb der nächsten Verwandtschaft suchten die Menschen Halt und Ersatzbindungen, die sie dann in einer Bruderschaft fanden. So ist u.a. die große Zahl der Bruderschaftsgründungen im Spätmittelalter zu erklären, und hier in Wanlo hat es bekanntlich nicht nur die heutige Jubilarin gegeben, sondern auch noch die Unserer Lieben Frau, also eine Marienbruderschaft, die aber untergegangen ist Auf jeden Fall war also auch Wanlo nicht ausgenommen von den Entwicklungen, die damals die Menschen des Spätmittelalters bewegten. In dem Auftreten der Bruderschaften spiegelt sich in Wanlo erstmals ein konkreter faßbares soziales Leben der Dorfgemeinschaft!

Mehr vermag an dieser Stelle nicht gesagt zu werden! Auch die in Wanlo offenbar spätestens seit 1337 vorhandenen Sebastianusreliquien geben keinen weiteren Aufschluss, da sie einem völlig anderen Zusammenhang entstammen.

Über die weitere Entwicklung der Bruderschaft wissen wir ebenfalls zunächst nichts! Die früheste wirklich authentische Erwähnung der Gemeinschaft stammt erst aus dem Jahre 1550, als der Herzog von Jülich eine Gruppe Beauftragter in seinem Land herumschickte, die die innere Lage in den einzelnen Ortschaften erkundigen sollten. Den Hintergrund dieser Maßnahme bildeten die Ereignisse der Reformation, die sich damals aber schon mit politischen Fragen untrennbar verknüpft hatten! Und diese Kombination mußte dem Landesherrn gefährlich erscheinen, konnte sie doch unter Umständen seine Herrschaft gefährden. Die Visitatoren haben sich in dem Zusammenhang auch über die Zustände in Wanlo informiert, und es waren "Scheffen, Kirchmeister und Brodermeister", die ihnen hier berichteten; Allein die Tatsache, daß die Vorsteher der Bruderschaften befragt wurden, gibt den Stellenwert an, den diese in der Wanloer Dorfgemeinschaft einnahmen: Sie gehörten hier zu den wichtigeren Personen, zu denen, die etwas zu sagen hatten und die anzuhören waren. Auch diese Feststellung sollte man in einer Würdigung nicht unterschlagen!

Nach diesem Hinweis haben wir aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine vergleichsweise dichte Überlieferung. Nach 1550 findet die Gemeinschaft bereits 1553 wieder Erwähnung, als der Dechant in einem Brief an der Kölner Erzbischof berichtet, die Bruderschaft St. Antonius und St. Sebastianus habe einem der Wanloer Vikare vier Malter Roggen gegeben, da sechs Malter aufgrund von Kriegshandlungen aus den Vorräten des Kaplans verschwunden seien. Die Gemeinschaft half also in Notfällen aus ihrem Vermögen aus. Hier wird einmal mehr der brüderliche Gedanke deutlich, das Sorgen füreinander und das gegenseitige Füreinandereinstehen.

Weiteres über die Wanloer Situation hören wir dann aus dem Jahre 1560: Es ist erneut der Bericht einer herzoglichen Visitationskommission, der uns über Wanlo erhalten geblieben ist Es heißt dort: "Der kirchen renten und auch der broderschaft sein schriftlich ubergeben. Thun rechnung beiseins des pastors und etlicher nachbaren. Haben ein schul und geben dem custer us der broderschaft 3 malder korns zu erziehung der jugent". Ganz ähnlich, wie wir es beispielsweise von der St. Sebastianus – Bruderschaft in Gladbach kennen, gab es also eine Gruppe von Leuten in Wanlo, vor der die hier gemeinte St. Antonius – Bruderschaft jährlich ihre Vermögensverhältnisse regeln mußte und die als Kontrollinstanz fungierte. Interessant ist nun, daß der Küster, der den Schulunterricht erteilte, aus dem Vermögen der Fraternität drei Malter Korn erhielt, und das offenbar regelmäßig. Der Bruderschaft scheint also die Aufgabe zugefallen zu sein, zumindest unter anderem den Lehrer zu unterhalten.

Und auch das stellt wieder einen Aspekt dar, der ein Schlaglicht auf die Bruderschaft wirft. Zumindest in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts investierte – so würde man es heute sagen – die Bruderschaft in die Zukunft Wanlos. Ob die Schule ausschließlich durch die Gemeinschaft unterhalten wurde, darf man bezweifeln, aber zu unterschätzen ist der Beitrag der Brüder nicht. Offenbar hatte sich in Wanlo in dieser Zeit die Dorfgemeinschaft schon recht weit entfaltet und differenziert, so daß eine solche Schule hier bestehen konnte.

Nach diesen drei Erwähnungen 1550, 1553 und 1560 bietet sich im Jahre 1583 ein völlig anderes Bild: Wieder einmal hatte der Herzog von Jülich durch eine Kommission die Lage in den Ortschaften seines Landes erkundigen lassen. Und da heißt es dann am Schluß des Protokolls über Wanlo ausdrücklich: "Ist weder schul, broderschaft noch spind furhenden". Weder gab es eine Schule, noch eine Bruderschaft, noch war eine Armenkasse vorhanden! Wir haben es also hier offenbar mit einem größeren Bruch innerhalb der Geschichte Wanlos zu tun, denn sogar die Schule existierte nicht mehr. Was war da geschehen?

Mit letzter Sicherheit können wir, da einmal mehr kaum Quellen vorhanden sind, die Gründe für die veränderte Situation nicht angeben. Es dürften aber verschiedene Punkte bei einer Erklärung für die traurige Lage verantwortlich sein. In Bezug auf die Bruderschaft mögen es unter anderem innere Gründe gewesen sein. Die Menschen ließen sich nicht mehr so stark wie noch im Jahrhundert zuvor von der Sorge um das Seelenheil leiten, weil die Kämpfe um die Reformation und die verschiedenen christlichen Bekenntnisse eine stärkere Verweltlichung nach sich zogen; das heißt, die Menschen hielten stärker Distanz zu Glaubensfragen. So wundert es nicht, wenn die Bruderschaften einen Niedergang erlebten, der nicht mehr aufzuhalten war. Daß dabei so manche Gemeinschaft auf der Strecke blieb und unterging, kann man allgemein im hiesigen Raum feststellen. Wanlo bildet hier also wieder einmal keine Ausnahme!

Als weiteren Grund für den Untergang der Bruderschaften in Wanlo darf man die kriegerischen Ereignisse sehen, die letztlich aus den Glaubensstreitigkeiten erwachsen waren, weil Glaubensfragen damals auch immer politische Fragen darstellten. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen haben auch in Wanlo die materiellen Grundlagen der Menschen gefährdet. Immerhin hat es in unmittelbarer Nähe Wanlos, bei Rheindahlen, 1568 eine Schlacht gegeben, anlässlich derer Soldaten beider Seiten die umliegenden Siedlungen behelligten. Wanlo dürfte darunter gewesen sein. 1576 war das benachbarte Keyenberg durch spanische Truppen besetzt, auch hiervon wird Wanlo berührt gewesen sein. Nach dem Jahre 1583, dem Jahr der herzoglichen Visitation, setzten sich die kriegerischen Belastungen für Wanlo fort. Im April 1586 beispielsweise waren es einmal mehr die Spanier, die Wanlo plünderten – nur, möchte man fast sagen, denn wir wissen aus Otzenrath und Borschemich daß sie dort "etliche Untertanen" beraubt und erschossen sowie "die Weibsbilder" übel zugerichtet hätten. Am 15. Mai desselben Jahres, also schon im darauffolgenden Monat, so heißt es ferner – "seyndt die uf den Häußeren Odenkirchen, Horst und Glehn ligende Kriegsleuth (…) in der Nacht, in die 200 stark, in das Dorff Wandloh gefallen, dasselb angestochen, 13 Häußer abgebrennt, das ganze Dorf spolyrtt, 5 Pferdt, 70 Stück Rindviehs, 30 Schweine, 150 Schaaf geraubtt, die Kirche ufgebrandt, alles, was darin, mitgenommen, auch drey Haußleuth erschossen und eine Frau mit zweien Kinderen verbrannt (…)" Im Februar des nächsten Jahres "sind die Edelen und Ehrenfesten Robert und Bernard von Wildenrath, Vater und Sohn auf ihrem Hause zum Deyk unschuldig und erbärmlich entleibt".

Nach diesen Beispielen, die man übrigens noch vermehren könnte, wundert es nicht mehr, wenn die Bruderschaft noch im 16. Jahrhundert unterging und wenn wir heute feststellen, daß aus dem Spätmittelalter keinerlei Quellen aus der Gemeinschaft auf uns gekommen sind, Deshalb dürften auch dem Pfarrer Vitenius nach 1642 kaum Dokumente vorgelegen haben, die das Jahr 1400 authentisch als Gründungsdatum belegen, wenn dies überhaupt jemals belegbar gewesen ist. Jetzt wird auch deutlich, wieso er davon spricht, die Einkünfte der Bruderschaft "so noch in rede" seien, aufzuzeichnen. Die Bruderschaft existierte nicht mehr – und das bereits seit etwa sechs Jahrzehnten, die für einen Menschen der damaligen Zeit einen ungeheuer langen Zeitraum darstellten.

Wenn Pfarrer Vitenius allerdings 1642 daranging die Einkünfte der Bruderschaft aufzuzeichnen und damit zu sichern, so wollte er offenbar eine Neubegründung dieser Gemeinschaft vornehmen. Dabei ist es bemerkenswert, daß es die St. Antonius – St. Sebastianus – Bruderschaft war, die nun wiedererstand. Angesichts des Marienpatroziniums von Kirche und Pfarrei wäre es sicherlich naheliegender gewesen, die Liebfrauenbruderschaft zu erneuern. Das aber geschah nicht! Man darf deshalb mit ziemlich großer Sicherheit behaupten, daß es sich jetzt um eine Schützenbruderschaft gehandelt hat, die da wiedererstand, denn der hl. Sebastian und der hl. Antonius stellen klassische Schützenpatrone dar, wenn auch der eine mehr, der andere weniger.

Über das Schützenwesen in Wanlo sind wir allerdings erst seit dem 18. Jahrhundert informiert. Vermutlich hat es hier aber schon seit Jahrhunderten eine Gruppe von Dorfbewohnern gegeben, die den Vogelschuß als Volksbrauch zum Vergnügen pflegten, ohne daß dieses nachweisbar wäre. Jetzt aber, in der Frühen Neuzeit, als Pfarrer Vitenius daran ging, die Pfarre Wanlo nach einer Zeit der Kriege und des Niedergangs neu zu formieren und zu organisieren, kam diese Gruppe vermutlich wie auch anderswo unter kirchliche Kontrolle und wurde mit einer Bruderschaft fest verbunden. Das heißt: Es schlossen sich nicht unbedingt Menschen von sich aus zusammen, sondern die Gemeinschaft wurde wohl eher von oben eingerichtet, also vom Pfarrer, der diese dann auch kontrollierte, weil er nach der Zeit des Niedergangs den katholischen Glauben wieder fester in den Menschen verankern wollte. Daran wird der Bruch zu mittelalterlichen Bruderschaften sehr deutlich, die bekanntlich eher einen freiwilligen Zusammenschluß von Menschen darstellten.

Daß die wiedererstandene Gemeinschaft florierte, zeigt im Jahre 1660 die Stiftung der heute noch vorhandenen Glocke, die man der Bruderschaft aufgrund ihres Namens "Sebastianus und Antonius" zuschreiben muß. Angeblich seit dem Jahre 1693 führte die Gemeinschaft den Titel Marianische St. Antonius – Bruderschaft. Dies deutet darauf hin, daß der damalige Pfarrer [ ? ] versuchte, eine stärkere Marienverehrung unter den Brüdern zu etablieren. Über den Vorgang wissen wir fast nichts, deshalb kann auch zum Hintergrund dieses Schrittes nichts gesagt werden. Immerhin erklären sich so all diejenigen Schilde des seit 1711 überlieferten Königssilbers, die eine Mariendarstellung zeigen, die eindeutig vom Kevelaerer Gnadenbild inspiriert ist. Die übrigen Teile des Silbers zeigen unterschiedliche Motive, u.a. die heiligen Sebastian und Antonius, wobei jetzt oft eine Verwechslung des hl. Abtes Antonius mit dem hl. Antonius von Padua stattfindet. Daneben zeigt das Silber auch ganz weltliche Motive, die auf den Beruf des Schützenkönigs Bezug nehmen.

Sicher ist die Bedeutung der Bruderschaft für das gesellige und soziale Leben in Wanlo, denn mit dem Vogelschuß verbunden war das Schützenfest. Wir kennen seit dem 18. Jahrhundert sogar den Ort des Vogelschusses: Das alljährliche Ritual hat sich am Kapellchen an der Kuckumer Straße abgespielt, ist doch in einer Urkunde aus dem Jahre 1784 von "Land am 'Heiligen Häusgen', wo alljährlich der Vogel geschossen wird" die Rede.

Die Bedeutung der Bruderschaft für das Leben des Dorfes äußert sich neben diesen geselligen Aspekten auch ganz klar in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung: Sie besaß Einkünfte, die es ihr ermöglichten, beispielsweise Darlehen an Leute zu vergeben, die allerdings ihrerseits in der Lage waren, Sicherheiten dafür zu bieten, so beispielsweise Land, das als Unterpfand diente.

Dieses Bild, das hier für das 18. Jahrhundert gezeichnet werden konnte, endete zunächst einmal nach dem Einmarsch der Französischen Revolutionstruppen im Oktober 1794. Der letzte Vogelschuß für Wanlo ist dann auch für 1799 durch den Königsschild bezeugt. Interessanterweise ist damit für Wanlo der Vogelschuß noch ein Jahr länger dokumentiert als für viele der anderen Bruderschaften im Bereich der heutigen Städte Mönchengladbach und Korschenbroich. Danach ruhte zunächst einmal das Bruderschaftsleben wegen der kirchenfeindlichen Politik des damaligen französischen Regimes. Erst im Jahre 1801 war ein Neuanfang möglich. Dieser ist uns vor allem überliefert durch das 1843 angelegte Protokollbuch der Gemeinschaft. Daraus erfahren wir, daß die Bruderschaft "von beinahe anderthalbhundert Jahren" am "18ten Mai 1801 unter dem Herrn Pastore Hoffmann mit Gutheissung sämmtlicher Brüder, ungefähr 200 an der Zahl, erneuert" worden sei und daß "derselben folgende christliche Lebensregeln, jedoch ohne Gewissens-Beschwerden, beigesetzt, von der ganzen Bruderschaft acceptirt und mit Freuden angenommen worden" seien. Es war also der Pfarrer Hoffmann von Wanlo, [1779 – 1814 Pfarrer in Wanlo] der die Initiative zur Erneuerung der Gemeinschaft ergriffen hatte und der mit den christlichen Lebensregeln den katholischen Charakter stärken wollte. Dieses Verfahren beanstandeten die 200 Brüder nicht; und das wirft ein bezeichnendes Licht auf den Charakter der Bruderschaft im 18. Jahrhundert, denn mit einer quasi unabhängigen Stellung der Gemeinschaft, wie sie aus dem Mittelalter überliefert ist, hat dies nichts mehr zu tun. Vielmehr stand die Bruderschaft unter der Führung des jeweiligen Pfarrers. So wurden die Brudermeister nicht von den Brüdern gewählt, sondern "von der Kanzel (...) angeordnet", also vom Pastor bestimmt.

Die von Pfarrer Hoffmann ergänzten christlichen Lebensregeln betonen deutlich den Marianischen Charakter. Immerhin weist auf diesen Punkt auch das Fahnenbild hin, das bekanntlich im Zentrum eine Mariendarstellung zeigt. Von den Brüdern wurde darüber hinaus u.a. das Rosenkranzgebet für die Verstorbenen, die Teilnahme an Hochämtern für die Lebenden wie auch für die verstorbenen Mitbrüder sowie die materielle Unterstützung der notleidenden Brüder erwartet – eine Tatsache, die ganz in der Tradition bruderschaftlichen Denkens und Handelns lag und die in Zeiten nicht vorhandener allgemeiner sozialer Sicherungssysteme von nicht zu unterschätzender Bedeutung war. Insgesamt dürfte sich aber im 19. im Vergleich zum 18. Jahrhundert wenig wirklich geändert hat. Die Bruderschaft bestand ganz ruhig fort, bis sie ab 1894 in Folge eines tragischen Unfalls für einige Jahre ruhte.

Der gerade geschilderte und seit 1801 festgeschriebene Charakter der Bruderschaft findet sich auch im Jahre 1909 wieder, als Pfarrer Hütten [1908 – 1927 Pfarrer in Wanlo] die Bruderschaftsandacht zum Antoniusfest wiederaufleben ließ. Damit belebte er die geistliche Seite der Gemeinschaft neu. Erst im Jahre 1922 gelang es, "zur Förderung der Heimatliebe und zur Erhaltung der örtlichen Festfeiern, Kirmes u.s.w. gegenüber Bestrebungen diese Feste abzuschaffen bzw. zusammenzulegen" die "weltlichen (sic!) Feier der St. Antoniusbruderschaft mit Titularfest, Vogelschuß und Prunkfeierlichkeiten wieder ins Leben zu rufen, in der Absicht die alten Volksfeste beizubehalten, dagegen den allsonntäglichen Vergnügungen und den Besuchen zweifelhafter städtischer Belustigungen Einschränkungen entgegenzusetzen". So formulierte es Pfarrer Hütten.

Ihm ging es also darum, mit Hilfe der Bruderschaft die dörfliche Struktur Wanlos zu erhalten und die Menschen mit Hilfe traditioneller Festivitäten gegen eine Entwicklung zu immunisieren, die er als städtisch empfand, die aber grundsätzlich als Verweltlichung zu verstehen ist, wie sie in den letzten Jahrhunderten zunehmend um sich griff und die Religion an den Rand zu drücken drohte. Es handelt sich dabei also um konservative Ziele, mit denen der Pfarrer die Menschen vor Desorientierung zu schützen suchte, die unzweifelhaft mit der zunehmenden Differenzierung des modernen Lebens und dem Aufbrechen des geschlossenen katholischen Milieus verbunden waren.

Ob die Gemeinschaft die Erwartungen in dem Sinne erfüllen konnte, dürfte nur schwer zu beantworten sein. Auf jeden Fall blieb ihr – wie auch allen anderen Bruderschaften – eine letztlich ungestörte Entwicklung nach der Wiederbelebung im Jahre 1922 auf Dauer zunächst versagt: In der nationalsozialistischen Zeit hat sie sich nur bis 1936 – und das ist das auch bei allen anderen Bruderschaften nachweisbare Datum – als kirchliche Gemeinschaft halten können. Danach hat es bis 1939 Schützenfeste gegeben, allerdings ohne kirchlichen Charakter. Erst seit 1949 – und auch in dieser Hinsicht deckt sich der Wanloer Befund mit demjenigen bei anderen Bruderschaften – war es der Gemeinschaft möglich, in der alten Freiheit wieder zusammenzutreten und das ihr eigene Innenleben zu pflegen.

In den folgenden gut fünf Jahrzehnten bis zum heutigen Tage hat sich die Bruderschaft erneut – wie in den vergangenen Jahrhunderten auch – als ein wesentlicher Faktor im Innenleben Wanlos erwiesen, ich erinnere nur an ein Beispiel: die Protestveranstaltung gegen den geplanten Braukohletagebau Garzweiler II, dem Wanlo ursprünglich zum Opfer fallen sollte. Neben vielfältigen anderen Aktivitäten für die unterschiedlichsten Zielgruppen fand aber auch eine Öffnung in zweierlei Richtung statt:

* Im Zuge der Konzentration christlicher Kräfte durch die rasant verlaufende Verweltlichung in unserer Zeit steht die Gemeinschaft nun auch evangelischen Mitchristen offen. Damit wandelt sich in unserer Gegenwart der katholisch-konfessionelle Charakter der Bruderschaft, der seit der Wiedergründung unter Pfarrer Vitenius auf Abgrenzung gegen andere christliche Konfessionen bedacht war. "Katholisch" wird jetzt eher im eigentlichen Wortsinne als allumfassend verstanden.

* Zweitens muß hier die Öffnung der Bruderschaft für Frauen genannt werden. Im Mittelalter hat es diesen schwesterschaftlichen Aspekt sicherlich gegeben, auch wenn dies für Wanlo mangels Quellen nicht belegt ist. Damals standen Bruderschaften in der Regel beiden Geschlechtern offen. Erst seit der Wiederbegründung unter Pfarrer Vitenius in der frühen Moderne dürfte der ausschließlich bruderschaftliche Charakter mit dem der Schützen entstanden sein.

So war die Bruderschaft immer wieder Wandlungen unterworfen, die ein Reflex auf gesellschaftliche Veränderungen darstellten. Ich denke, ähnliche Wandlungen wird die Bruder- und Schwesterschaft St. Antonius – St. Sebastianus hier in Wanlo auch in Zukunft immer wieder erfahren, und ich bin überzeugt davon, sie wird sie im Rahmen der dann geltenden Bedingungen auch in Zukunft meistem.

Die Daten in [ ] wurden vom Chronisten Heinz-Josef Katz eingefügt.


St.Antonius – Sebastianus – Bruderschaft Wanlo 1400.


Von Uta Kirsten Remmers MA, 1996.

Wanlo wurde im Laufe seiner Geschichte zweimal verwüstet. Vermutlich gibt es deswegen keine Unterlagen über die Bruderschaften aus früherer Zeit.

Während des Niederländisch-Spanischen Krieges zerstörten die Spanier 1585 den Ort und brannten die Häuser nieder. 1634, im Dreißigjährigen Krieg, erlitt Wanlo durch die Niederländer das gleiche Schicksal.

Viele Unterlagen aus Wanlo aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind durch Kriegerische Einfälle, in den Wirren der Glaubensspaltung und dem Erlöschen kirchlichreligiösen Lebens verlorengegangen. Das macht eine genauere Forschung nahezu unmöglich (1). Wanlo bildete 1800 eine eigene Mairie (2).

Die Bruderschaft St. Antonius – Sebastianus gibt als ihr Gründungsdatum das Jahr 1579 an (3). Wie sie allerdings zu diesem Datum gelangt ist, bleibt ungeklärt. Schon 1559 gibt es nach ihren eigenen Angaben einen Nachweis darüber, daß die Schule in Wanlo Getreide von der Bruderschaft erhielt, um damit den Lehrer zu versorgen (1).

Nach einem "Schreibbüchlein" des Pfarrers Vieten [1636 bis 1658 Pfarrer in Wanlo] von 1642 heißt es:
*Erbrehndten der Broderschaft St. Antony und St. Sebastiani zustendlich welche Broderschaft aufgericht ist Anno 1400* (4).

Die durchgehende Singularform dieser Niederschrift zeigt deutlich, daß es sich nur um eine Bruderschaft handelt, die seit ihrer Gründung einen Doppelnamen geführt hat.

Ein erstes Zusammenwirken der Bruderschaftler hat oft schon Jahre vor der eigentlichen Gründung stattgefunden. Das Patronat des hl. Antonius wie das des hl. Sebastianus könnte als Hinweis dafür gesehen werden, daß die Gründung dieser Bruderschaft als Folge der Pestwelle von 1347 bis 1349 erfolgte.

Es konnte nicht festgestellt werden, welcher Antonius der namensgebende Patron der Bruderschaft ist. Bei einem möglichen Zusammenhang mit einer Pestwelle könnten dafür zwei in Frage kommen:
Antonius der Einsiedler (5), der auch den Beinamen "Der Große" hat, lebte um das Jahr 250 und starb über 100-jährig ca. 356. Er errichtete Einsiedlergemeinschaften in Ägypten und wurde so der Patriarch des Mönchtums. Man sagt ihm viele Wunder nach. Im Jahre 311 ging er während der Zeit der Christenverfolgungen nach Alexandrien, um seinen Glaubensbrüdern beizustehen.

Antonius ist Schutzheiliger gegen Feuer, Pest und Seuchen, auch der Haustiere und besonders der Schweine. Zugleich ist er Patron vieler Stände und Handwerke und der bekannteste Bauernpatron. Er wird oft mit einem sogenannten Antoniuskreuz dargestellt, aber auch mit einem Schwein an der Seite, oder als Versuchter in der Wüste. [Ferkes-Tünn = Schweine Toni/Antonius].
Das Fest von Antonius dem Einsiedler ist am 17. Januar. [Die Wanloer Bruderschaft feiert am 17. Januar das Patronatsfest]

Antonius von Padua lebte von 1195 bis 1231 bei Padua in Italien. Er war Kirchenlehrer, Missionar und Seelsorger und trat 1220 in den Orden der Franziskaner ein. Schon 1232 wurde er heiliggesprochen.
Antonius von Padua zählt zu den am meisten verehrten Volksheiligen. Er ist Patron der Ehe, der Frauen und Bräute, auch wird er als Helfer bei verlorenen Sachen angerufen, sowie gegen Seuchen und Fieber. Dargestellt wird Antonius von Padua meist mit dem Jesuskind auf dem Arm. Sein Patronatsfest ist am 13. Juni.

Es gibt Bruderschaften vom hl. Antonius mit mehreren Millionen Mitgliedern in Europa (5).

Die Bruderschaft St. Antonius – Sebastianus Wanlo soll ursprünglich eine Selbsthilfeorganisation gewesen sein (1)

Die Bruderschaft vermutet entgegen der Niederschrift aus dem Pfarrbuch, daß es in den Jahren 1636 bis 1658 zwei Bruderschaften gegeben hat, die sich dann zusammenschlossen (1). Eine Glocke aus dem Jahre 1660 mit dem Namen beider Bruderschaften darauf (6) dient ihr als Hinweis auf die Zusammenlegung in jenem Jahr. Genaueres über die Stiftung der Glocke ist aber nicht bekannt.

Die Bruderschaft muß in den folgenden langen Kriegsjahren erloschen sein.

Weitere Zeugnisse oder Unterlagen über das Bruderschaftsleben in Wanlo gibt es erst wieder aus dem Jahre 1801, als sie sich die Bruderschaft wieder gründete. Ihr wurde dabei der Titel der Gottesmutter Maria hinzugefügt (6). [Marianische St. Antonius – St. Sebastianus Bruderschaft, wie die Bruderschaft richtig heißt!] Über die Zeit dazwischen ist nichts bekannt. Möglicherweise ruhte sie seit dem Siebenjährigen Krieg, der 1756 ausgebrochen war.

Ab 1895 war die Bruderschaft nur noch rein kirchlich tätig, da es beim Vogelschuß zu einem tödlichen Unfall gekommen war. 1909 nahm man auch wieder außerkirchliche Aktivitäten auf (1).

Mit dem Ersten Weltkrieg kam das Bruderschaftsleben erneut zum Erliegen. Danach erfolgte die Neugründung im Jahre 1922.

In der NS-Zeit ruhte das Bruderschaftsleben von 1936 bis 1949.

Die Bruderschaft St. Antonius – St. Sebastianus Wanlo ist heute Mitglied im "Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften – Bezirksverband Mönchengladbach – Rheydt – Korschenbroich".

(1) Festschrift zum Bezirksschützenfest in Wanlo 1973.
(2) Hüter, 1984, S. 7.(11 Gemeinden bilden eine Stadt / Beiträge zur Geschichte der Stadt Mönchengladbach)
(3) Die Festschrift zum Bezirksschützenfest in Wanlo 1973 nennt dieses Jahr als Gründungsjahr auf der Titelseite!
(4) Zitiert nach : 400 Jahre Antonius Wanlo, 1979.
(5) Nach "Herder"
(6) Festschrift 400 Jahre Antonius Wanlo, 1979
[....] von Chronist Heinz-Josef Katz eingefügt.

Letzte Aktualisierung ( Montag, 15. August 2011 )