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Kriegsgefangenen-Lager
Ehrenmal - Wickrathberg
Ehrenmal - Wickrathberg


Das Kriegsgefangenen-Lager
Vom Leben und Sterben in Erdhöhlen
Erlebtes im Gefangenenlager Wickrathberg
Ansprache am 12. November 2011 von Sam Ludwig
Rede eines „Ehemaligen“ am 12. November 2011
Tod im Lager: Soldatengräber
"Überlebt" - Gedicht von Ferdi Meyer
Treffen der "Ehemaligen" am 14. November 2009

Das traditionelle "Ehemaligentreffen" in Wickrathberg.
Ein gelungener Nachmittag!
Hier Fotos der Veranstaltung:
Treffen der ehemaligen Kriegsgefangenen 2013

Treffen der ehemaligen Kriegsgefangenen 2013 in MG-Heute.de
Ankündigung zum 7. Ehemaligen-Treffen in MG-Heute.de

Bericht von 2011 mit Fotos von Josef Katz: "Ehemalige" 2011 in Wickrathberg



Vom Leben und Sterben in Erdhöhlen

Ende April 1945 wird in Wickrathberg ein Lager für gefangene deutsche Soldaten eingerichtet.
Quelle: RHEINISCHE POST Angela Rietdorf
Das Gefangenenlager in Wickrathberg existierte nur ein halbes Jahr: Am 25. April 1945 wird mit den Arbeiten zur Errichtung des Lagers begonnen, am 8. Oktober wird es wieder aufgelöst. Aber die Zeit reichte, um sich tief im kollektiven Gedächtnis der Mönchengladbacher einzugraben. Die Zustände im Lager, in dem bis zu 150 000 Gefangene untergebracht wurden, waren katastrophal. Über die Anzahl der Menschen, die dort durch Hunger, Krankheit oder Unwetter umkamen, herrscht Unklarheit.

Rund sechs Wochen nach der Eroberung Mönchengladbachs und Rheydts durch die amerikanischen Truppen erhält Fritz Otten, damals zum Bürgermeister von Wickrath bestellt, den Auftrag, zwischen Wickrathberg und Mongshof ein Kriegsgefangenenlager einzurichten. Dazu müssen mehrere Bauernhöfe wie etwa der Goerdshof geräumt werden. Dann wird das Gelände von zwangsverpflichteten deutschen Arbeitskräften - 100 aus Wickrath, 100 aus Rheydt und 100 aus Jüchen und Garzweiler - vorbereitet und eingezäunt. .

Kaum steht das Lager, treffen die Gefangenen ein. Unterstände oder gar Barracken gibt es nicht, die Gefangenen müssen unter freiem Himmel Tage und Nächte verbringen. Mit bloßen Händen, wer Glück hat mit Konservenbüchsen, graben sie sich Erdlöcher, um ein wenig Schutz zu finden. Doch diese Löcher werden zu tödlichen Fallen, als ein schweres Unwetter niedergeht. Ein ehemaliger Gefangener beschreibt das so: "Wie ein Gießbach stürzen die angestauten Regenfluten in das Loch, und dann bricht die ganze Erdkruste nach. Gellende Schreie von Erstickenden durchdringen plötzlich die Lagernacht. Man ruft nach Hacke und Spaten, aber die Hände und die Konservendosen können den Tod nicht einholen." .

Heinz Pankuweit, damals 19, erinnert sich so an diese Zeit: "Besonders schrecklich erlebten wir die vielen kalten und feuchten Nächte, die kaum ein Ende nehmen wollten. Wo und wie sollte man schlafen? Ich selbst musste - wie viele meiner Kameraden - insgesamt etwa 90 Nächte, davon in Wickrathberg etwa 20 Nächte auf nacktem Erdboden ohne Zelt, ohne Mantel oder eine wärmende Decke verbringen. Dass man so etwas durchstehen konnte, grenzt an ein Wunder" (nachzulesen auf der Internetseite der-chronist.de). Als die Engländer das Lager von den Amerikanern übernehmen, bessern sich die Zustände. .

In den ersten Wochen und Monaten war die Verpflegung der Gefangenen katastrophal. Der evangelische Pfarrer Ludwig Ditthard schreibt in seinem Tagebuch: "Tag und Nacht schreien die Gefangenen nach Brot. Das Schreien wurde im Dorf gehört und machte zur Hilfe willig." Später erlaubte man der örtlichen Bevölkerung dann auch, den Gefangenen zu helfen. Die Pfarrer Lindt aus Wickrath und Lüderitz aus Wickrathberg organisierten die Hilfe. Nun gelangen regelmäßig Kartoffeln ins Lager. .

Ein Gefangener: "So erhält hin und wieder jede Zehnerschaft einige Dutzend von den wichtigen Knollen und man rüstet sich am Feuer eine bescheidene Mahlzeit, die uns wie ein Menü à la carte im feinsten Hotel schmeckt." Zum Dank spenden die Gefangenen ihre Barschaft, immerhin mehr als 300 000 Reichsmark, von denen auf Wunsch der Spender 100 000 Mark für den Wiederaufbau der katholischen Kirche in Wickrath und 13 000 Mark für die Reparatur der evangelischen Kirche in Wickrathberg dienen sollen. .

Im Gefangenenlager Wickrathberg waren durchschnittlich 30 000 bis 50 000 Gefangene untergebracht, zeitweise wohl aber auch bis zu 150 000 Männer. Die Anzahl der Gefangenen, die das Lager nicht überlebten, ist unklar. Offiziell ist von 222 Toten die Rede, diese Zahl wird aber von ehemaligen Lagerinsassen angezweifelt. .

So beschreibt Heinz Pankuweit einen Arbeitseinsatz, bei dem er folgendes Erlebnis hatte: "Da entdeckte ich in einiger Entfernung einen Stapel. Zunächst dachte ich an Eisenbahnschwellen. Die Sache erweckte meine Neugier. Meiner Bitte, den Stapel einmal näher betrachten zu dürfen, entsprach der freundliche Schotte. Bald aber erkannte ich, dass es sich um tote Gefangene handelte. Sie waren offenbar in der Nacht bzw. am Vortag gestorben. Alle waren bekleidet, Schuhe und Strümpfe aber fehlten. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Vor mir lagen sage und schreibe 20 bis 24 tote Kriegsgefangene - Opfer einer einzigen Nacht bzw. eines Tages. Und das in einem Sommermonat - ohne Verwesungsgeruch. .

Weitere Gedanken machte ich mir nicht. Man war abgestumpft, typisch für unsere damalige Situation. Jeder hatte mit sich selbst genug zu tun." Er rechnet mit einer um ein Vielfaches höheren Zahl von Toten. Heute steht auf dem Gelände des Gefangenenlagers ein Gedenkstein. Das Lager wurde am 8. Oktober 1945 aufgelöst. .

Das Kriegsgefangenen-Lager

Nach dem 2. Weltkrieg gelangten viele deutsche Soldaten zunächst in Kriegsgefangenschaft. Eines der Gefangenenlager befand sich zwischen Hochneukirch Mongshof und Wickrathberg. In der vollen Belegung dürften dort mindestens 150.000 Kriegsgefangene gelegen haben. Dank der geretteten Aufzeichnungen von ehemaligen Insassen gibt es einen genauen Lageplan mit den 32 Unterteilungen des Lagers und manches als Einzelinformation, darunter auch ein Exemplar der Lagerzeitung. Immer wieder kommen ehemalige Lagerinsassen mit ihren Familienangehörigen nach Wickrathberg um die Stätte des Grauens aufzusuchen. Durch den Bau der Autobahn A61 ist das Gelände inzwischen völlig verändert. Sie durchquert das ehemalige Lagergelände.

Das Leben im Lager war unvorstellbar hart. Die Gefangenen hausten in Erdlöchern die sie mit bloßen Händen oder mit leeren Konservendosen aus dem Boden gekratzt hatten. Verpflegung gab es nur sehr spärlich. Wenn nicht die Menschen aus den umliegenden Dörfern zusätzliche Zuwendungen, sog. "Liebesgaben", gebracht hätten, wäre die Todesrate vermutlich noch viel höher ausgefallen.

Zur regelmäßigen Versorgung gehörte weißes Brot, das in mehreren Bäckereien hergestellt wurde, so z.B. bei Peltzer in Wickrathberg oder in der Bäckerei Julius Wöstemeyer in Beckrath. Die damals 18jährige Tochter Helga erinnert sich: "Die Amerikaner brachten die Zutaten und Vater musste backen. Das Mehl war auffallend weiß. Wenn das Brot fertig war holten sie es mit einigen Gefangenen ab. Über zusätzliche Butterbrote freuten sich die Gefangenen, doch sie bekamen ihnen meist nicht, da sie es nicht mehr gewöhnt waren sich satt zu essen".

Zum 8. Oktober 1988, 43 Jahre nach der Auflösung des Lagers, lud der Verein für Heimat- und Denkmalpflege zur Enthüllung eines Erinnerungssteins ein. Der "Findling" steht an der südwestlichen Ecke des ehemaligen Lagers. Auf einer eingelassenen Bronzeplatte ist zu lesen: "Von April bis September 1945 lebten hier bis zu 150.000 deutsche Soldaten unter freiem Himmel". Eine Skizze zeigt die Stacheldrahtgrenzen des von Amerikanern errichteten und später von Engländern verwalteten "Wiesenlagers Wickrathberg".

Der damalige Heimatvereinsvorsitzende Gert Lüderitz mahnte: "Wir wollen mit diesem Stein den hier Verstorbenen gedenken; wichtiger als die Trauer ist aber die Besinnung". Das Dokument der Vergangenheitsbewältigung diene der Orientierung der überlebenden und sei gleichzeitig Mahnung.

Bezirksvorsteher Konrad Bäumer, selbst Kriegsgefangener in seinem Heimatort, erinnerte an die menschenunwürdige Behandlung durch die Sieger. Dies sei heute vergeben, aber nicht vergessen. Der Stein sei eine Werbung für die Erhaltung des Friedens.

Der Einweihung vorausgegangen war ein ökumenischer Gottesdienst. Im Bewußtsein des persönlichen Leids durch die Geschichte und der persönlichen Verantwortung für die Geschichte gedachten die Pfarrer Johnen und Kirsten auch dem millionenfachen Mord an der jüdischen Bevölkerung. Der Gedenkstein sollte deutlich machen, daß "wir nie aus unserer politischen Verantwortung wegschleichen können".

Eine authentische Skizze des neun Quadratkilometer umfassenden Lagers verdankt der Heimatverein Karl-Heinz Ubrig. Der Erkrather verbrachte als Neunzehnjähriger einen Monat im Lager. Seine Notizen auf Margarinepapier verarbeitete er später zu einem "Kriegstagebuch".

Auch Wickrathberg hat zwei Bücher veröffentlicht. Der Autor beider Bücher ist Dr. Herbert Reiners. Anläßlich der 10. Wiederkehr der Errichtung des Erinnerungsmahls an das frühere Kriegsgefangenenlager wurde 1998 das Buch "Das Kriegsgefangenenlager Wickrathberg 1945" vorgestellt. Das zweite Buch mit dem Titel "Stadthallen-Lazarett Rheydt 1945" erschien 1999.

Zum Gedanken- und Erinnerungsaustausch hatte der Verein für Heimat- und Denkmalpflege am 14. November 1998 ehemalige Gefangene des Kriegsgefangenenlagers eingeladen. Von 143 angeschriebenen waren tatsächlich 46 mit ihren Angehörigen gekommen. Die Festrede hielt Peter Neuß in Vertretung für den kurz zuvor verstorbenen 1. Vorsitzenden Gert Lüderitz. Nach einer Busfahrt um das Lagergelände mit ausführlichen Erläuterungen fand am Gedenkstein eine Gedenkfeier statt. Die damalige Oberbürgermeisterin Monika Bartsch der Stadt Mönchengladbach, hielt eine Ansprache umrahmt von musikalischen Darbietungen der "Eintracht" sowie des Musikvereins "St.-Josef-Keyenberg".

Die Veranstaltung fand unter großer Beteiligung Wickrathberger Bürger statt. Bei einem gemeinsamen Imbiss im ev. Gemeindehaus lernte man sich näher kennen. Das Buch "Kriegsgefangenenlager Wickrathberg 1945" wurde angeboten und auf Wunsch vom Autor signiert.
Quelle: Unser Dorf in Worten und Bildern – 75 Jahre Verein für Heimat- und Denkmalpflege Wickrathberg 2005

Tod im Lager: Soldatengräber

Von April bis September 1945 lebten im Kriegsgefangenenlager Wickrathberg bis zu 150.000 deutsche Soldaten als Kriegsgefangene unter freiem Himmel, allenfalls geschützt durch selbst gebuddelte Erdlöcher. Das Camp war von den Amerikanern im April angelegt worden und umfaßte eine Größe von neun Quadratkilometern.

Wie im umfassenden Buch „Kriegsgefangenenlager Wickrathberg 1945“ von Dr. Herbert Reiners zu entnehmen ist, starben in den sechs Monaten des Lagerbestehens mehr als 200 Soldaten.

[Diese Zahl kann nicht richtig sein! Ein Zeitzeuge hat alleine an einem Tag über 20, fein säuberlich gestapelte, „frische“ Leichen gesehen. Mindestens drei andere „Ehemalige“ sagen gleiches, unabhängig voneinander aus. Demnach dürften es ca. 2.000 – 3.000 gewesen sein (der-Chronist)].

Alleine im Monat Juni 1945 starben 113 Kriegsgefangene.

Die Toten wurden außerhalb des Lagers bestattet. Dr. Reiners führt dazu aus (s.333f): „Von einem Friedhof wird kaum zu reden sein bei dem Acker, auf dem die verstorbenen Soldaten und Zivilisten wenigstens zunächst begraben wurden. Die Fläche gehörte zum Kappelshof [ehem. Rittergut] am Ortseingang von Wanlo gelegen, etwa gut 200 m an der nördlichen Seite des früheren Kreuzweges, jetzt „Am Kappelshof“. Dort wurden auf einer Fläche von etwa 63 (B) x 30 (T) mtr. in neun Reihen hintereinander je 25 Grabstellen vorgesehen, die aber nicht alle benutzt worden sind.“

Bereits während der Lagerzeit und danach fanden Umbettungen und Überführungen in die Heimatorte der Toten statt. Reiners faßt zusammen (s.335): „So verblieben auf dem Soldatenfriedhof in Wanlo bis zur Umbettung im Zusammenhang mit dem neuen Ehren (Wald) –Friedhof in Wickrath 172 Tote. Das bedeutet, daß auf diesem Feld vor Beginn von Umbettungen 205 Tote aus dem KGL Wickrathberg bestattet wurden.
Quelle: Niersbote 45/2011

„Überlebt“

Kriegsgefangenenlager 1945 Remagen

Von Ferdi Meyer, ehemaliger Kriegsgefangener

Wir kamen hierher, vom Kriege geschunden,
blutend das Herz, die Glieder verbunden,
vom Hunger gezeichnet, vom Elend geplagt,
wir wurden wie Vieh zusammen gejagt,
mit 17 Jahren kriegsgefangen,
aus mit dem Sieg, nur Hoffen und Bangen.

Ergraute Krieger, hilflos verhöhnt,
man war noch verfeindet, nicht versöhnt.
Wir lagen in Löchern, nur Hunger und Leid,
in Lumpen gehüllt, kein festes Kleid,
kein Dach über’m Kopf, Oede und Ferne,
über uns Wolken, Sonne und Sterne,
um uns herum nur Stacheldraht
und oben ein Posten, Gewehr parat.

Sieger – Besiegte, man spürte den Hass,
nichts zu essen, nicht mal ’nen „Frass“.
Für 100 Mann da gab’s ein Brot,
Ei und Milch als Pulver – ein Lot.
Wasser vom Rhein mit Chlor gemixt,
für einen Liter – 3 Stunden – verflixt.

Der Regen rann, trüb war der Sinn,
wie geht es weiter, wann, wohin?
Tag für Tag und Nacht für Nacht,
kein Auge wurde zugemacht.

Das Hirn gemartert von Heimweih und Sehnen
mußten wir uns ans „Verrecken“ gewöhnen.
Regen und Schlamm ließ die Füße schwellen,
„Scheißhausparolen“ schlugen Wellen:
„Wir kommen nach Haus“, Gerüchte rasen,
sie sind geplatzt wie Seifenblasen.
Die Heimkehr blieb weiter Utopie,
für viele erfüllte sie sich nie!

An Pfingsten, wir wären bald zerbrochen,
hat es geregnet – ununterbrochen –
dazu nichts zu fressen, warum nur, warum
wir krochen auf Knien im Lager herum.

Der „Dünnschiß“ hatte uns auch noch befallen,
wir sind über Rüben hergefallen,
die man uns ins Lager reingekarrt,
als man die Ersten von uns schon „verscharrt“.

Vor Hunger gestorben, vom Wahnsinn – o Graus
sie lagen im Draht, sie wollten nach Haus.
Gottesdienst dann in freier Natur.
Gott wo bist Du – wo steckst Du nur???
Doch drinnen im Herzen, ganz, ganz tief,
da lebte Gott, ob er nur schlief?

Wir haben geflüstert, wir haben geschrieen
Wir haben gebetet, er hat uns verziehen.
Er hat uns geholfen, uns Hoffnung gegeben.
Gott sei Dank, wir sind noch am Leben!

Viele von uns sie kehrten nicht heim,
ruh’n hier in der Erde, sie sind er Keim
die Saat des Friedens für Frieden weltweit
Schluß mit den Kriegen für alle Zeit!

Wir, die hier fast das Leben verloren
Haben gemeinsam uns geschworen:
„Nie wieder Krieg, Schluß mit dem Morden
nur der Frieden verdient einen Orden“.

Ihm wollen wir dienen mit Herz und Hand
Gott knüpfe mit uns ein Friedensband
auf daß für alle Völker der Erde,
der Traum vom Frieden Wahrheit werde.
Schwarze Madonna steh uns bei,
mach alle Menschen von Kriegslust frei.

Gedenket der toten Kameraden


Ansprache am 12. November 2011 von Sam Ludwig (18) aus Wickrathberg.

Natürlich zeitgemäß mit dem Manuskript auf seinem Notebook, anstatt auf einem Blatt Papier.
Sehr geehrte ehemalige Insassen des Lagers Wickrathberg,

für mich, mit 18 Jahren, ist es noch sehr schwer vorstellbar, was sie in meinem Alter Körperlich und Seelisch durch stehen mußten. Ihnen wurde in diesen jungen Jahren einfach ein Gewehr um den Hals gehangen und dann ging es ohne großartige Einweisung an die Front.

Doch das war noch nicht genug, denn sie verloren nicht nur Kameraden, sondern auch Freunde, Familie und auch ihre Heimat.

Die meisten von ihnen hätten sich bei der Gefangennahme wohl kaum denken lassen, daß das Leiden weiter gehen sollte. Mit ihnen litten ungefähr 150.000 andere Gefangene hier in Wickrathberg und viele ließen auch hier ihr Leben.

Um den anderen hier anwesenden einmal dieses Bild von 150.000 Menschen zu verdeutlichen, das wäre ungefähr drei mal das Ausverkaufte Borussia Stadion in Mönchengladbach.

Die Jugendlichen heutzutage können ihnen zwar sagen welche Prominenten grade Schwanger sind oder welcher Film neu ins Kino kommt. Doch die wenigsten wissen etwas über die Geschichte ihrer Heimatorte.

Mit der Ausstellung die ich in den letzten Wochen vorbereitet habe, möchte ich einen Beitrag gegen das Vergessen leisten und ihnen damit meine Ehre erweisen.

Seid Auflösung des Lagers sind nun 66 Jahre vergangen und ich hoffe, sie alle hatten seit dem ein Glückliches und Zufriedenes Leben und werden dies auch weiterhin haben.

[Anmerkung: Jugendliche aus Wickrathberg hatten eine kleine Ausstellung vorbereitet.]

Rede eines „Ehemaligen“ beim Treffen am 12. November 2011

Heinz Pankuweit
Heinz Pankuweit
Heinz Pankoweit aus Bad Godesberg ist nun 86 Jahre. Das, was er mit 19 Jahren erlebt hat kann er auch heute noch nicht vergessen. Das Erlebte teilt er mit vielen „Ehemaligen“. Er und die Kameraden, die immer wieder nach Wickrathberg kommen, sind froh, durch die Initiative des Vereins für Heimat- und Denkmalpflege, hier einen Ort der Erinnerung gefunden zu haben. Hier seine diesjährige Rede:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kameraden
Wir ehemaligen Insassen des „Kriegsgefangenenlagers Wickrathberg“ freuen uns, daß uns Peter Neuß, Vorsitzender des Vereins für Heimat- und Denkmalpflege Wickrathberg wiederum zu einem Treffen eingeladen hat.

66 Jahre sind seit unserem trostlosen Zwangsaufenthalt in Wickrathberg vergangen. Dennoch bleibt diese Zeit unvergessen. Um so mehr wissen wir die Einladung zu würdigen, und sind sehr dankbar dafür.

Ein besonderer Dank gilt den freiwilligen Helferinnen und Helfern, die uns bisher immer regelrecht verwöhnt haben, und dies auch heute tun. Welch’ krasser Gegensatz zu 1945.
Wir sind dankbar, hier einen Platz gefunden zu haben, an dem wir uns gemeinsam erinnern und unserer Toten gedenken können.
Ehemalige am Gedenkstein 2011
Ehemalige am Gedenkstein 2011
Viele „Ehemalige“ haben uns im Laufe der Zeit leider verlassen müssen, u.a. zwei Bonner Freunde, die in diesem Jahr verstorben sind. Mit ihnen hatte ich in einem Erdloch überlebt. Auch an sie denken wir heute.

Jeder Krieg fordert Opfer.

Der zweite Weltkrieg forderte unermeßliche Opfer. Weltweit verloren mehr als 55 Mio. Menschen ihr Leben. Der Krieg schonte weder Frauen noch Kinder. Die Front war überall.

Die unfaßbare Zahl der Opfer dokumentiert eindrucksvoll und mit schonungsloser Offenheit den Irrsinn eines Krieges, den Hitler am 1. September 1939 mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen entfesselte.

Millionen Menschen wurden ermordet, kam in Ghettos, Konzentrations- und Gefangenenlagern ums Leben, starben bei Luftangriffen im Bombenhagel und Feuersturm, verloren ihr Leben bei Flucht und Vertreibung.

Allein der Abwurf der beiden ersten Atombomben über Japan löschte innerhalb von drei Tagen weit über 100.000 Menschenleben aus.

Mehr als sieben Mio. deutsche Soldaten und Zivilpersonen fanden den Tod. 15 Mio. Menschen verloren ihre Heimat in den ehemals deutschen Ostgebieten. Alle waren Opfer eines Krieges, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte.
Nachfolgenden Generationen sind die Geschehnisse unvorstellbar.
Die Deutschen wurden – im ersten Weltkrieg – ohne Not in einen Krieg geführt, den sie teuer bezahlen mußten.

Hitler suchte den Krieg und bekam ihn – aber anders als erwartet.

Unser Land stürzte in die größte Katastrophe seiner Geschichte und die Welt an den Rand des Abgrunds.

Auch das friedliche Wickrathberg blieb von den Ereignissen nicht verschont. Man muß leider davon ausgehen, daß hier mindestens tausend und mehr Menschen ums Leben kamen – darunter zahlreiche Kriegsgefangene in alliiertem Gewahrsam.

Die genaue Zahl der Opfer läßt sich wohl nie mehr genau ermitteln.

Wickrathberg war im Frühjahr 1945 weder eine Insel des Friedens noch ein Ort der Barmherzigkeit.

Stacheldraht und nackte Erde, Hunger und Durst, Krankheit und Tod geben nur unvollständig wieder, wie Millionen von Menschen im Verlauf eines furchtbaren Krieges gelitten haben – nicht nur in Deutschland.

Was die deutschen Gefangenen gegen Endes des Zweiten Weltkrieges hier auf dem Boden von Wickrathberg und in den Rheinwiesenlagern erlebt oder erlitten haben, läßt sich mit Worten nicht beschreiben.

Unzähligen Menschen in vielen anderen Lagern der Welt wird Ähnliches oder gar noch Schlimmeres widerfahren sein, z.B. in den Konzentrationslagern.

Alle waren Opfer eines Krieges, den sie nicht gewollt, geschweige denn zu verantworten hatten. Sie mußten büßen für Taten, die sie nicht begangen hatten.
Die Gefangenen in Wickrathberg glaubten dem Krieg glücklich entkommen zu sein.
Das aber war ein Trugschluß. Im Lager begann für sie ein täglicher Überlebenskampf, dem allzu viele nicht gewachsen waren.

Hilflos waren sie ihrem Schicksal ausgeliefert. An diesen Zustand mußten sie sich erst gewöhnen. Ihre Führung hatte sie auf eine solche Situation nicht vorbereitet. Oftmals herrschte im Lager eine beängstigende Stille, die einer Friedhofsruhe glich.

Der ihnen das eingebrockt hatte, war selber hilflos. Aus einem unterirdischen Bunker in Berlin erteilte er seine Befehle an Armeen, die ihm längst abhanden gekommen waren und nur noch in seinen Vorstellungen existierten.

Ohne Zelt, ohne Mantel und ohne eine wärmende Decke kampierten und litten die sich von ihm losgesagten Gefangenen in ihren inzwischen verschmutzten Uniformen monatelang auf nacktem, oftmals nassem Erdboden bei einer Ernährung, die diese Bezeichnung nicht verdiente.

Wo blieb die auf zahllosen Flugblättern versprochene faire Behandlung?

Viele Gefangene starben noch nach Kriegsende, ohne die ersehnte Freiheit und die Familien nochmals zu erleben.
So sah die erhoffte Befreiung aus?
Die deutschen Soldaten hatten sich – zwar vom Krieg gezeichnet, aber relativ gesund – freiwillig in Gefangenschaft begeben und verließen – sofern sie überlebten – die Elendslager als mehr oder weniger kranke, hoffnungslos unterernährte, völlig entkräftete junge Menschen.
All das geschah im kultivierten Europa des 20. Jahrhunderts.
Es geschah ohne Gnade auf einem christlich geprägten Kontinent. Und dennoch half uns der Glaube an Gott und an Gerechtigkeit. Er blieb eine starke seelische Stütze und stärkte unseren Überlebenswillen.

Solange wir Davongekommene noch eine Stimme haben, fühlen wir uns verpflichtet, immer wieder darauf hinzuweisen – auch die von uns gewählten Politiker – welch’ schreckliche Auswirkungen dieser Krieg hatte.
Beide Weltkriege müssen eine Lehre sein.
Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) hat einmal zynisch gesagt: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben“.

Meine Mutter verlor 1914 ihren Ehemann als Soldat in Frankreich und 1943 ihren ältesten Sohn als Flieger über England.

Ähnlich erging es Millionen Müttern auf der ganzen Welt.
Jedes Opfer hatte eine Mutter.
Zum Volkstrauertag gehen aus den Städten und Dörfern der Bundesrepublik Deutschland Zeichen des Friedens und der Versöhnung über Ländergrenzen hinweg in alle Welt. Auch heute aus Wickrathberg.

Wer könnte überzeugender für Frieden, Freiheit und Versöhnung eintreten als die Menschen, die einen barbarischen Krieg und seine Folgen so hautnah erlebt und durchlitten haben, wie die oftmals unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehaltenen Menschen in zahllosen Lagern der Welt.

Sie haben die Unfreiheit erlebt, sie wissen, was Freiheit bedeutet.

Unvergessen bleibt ein Gefangenenchor, der eines Abends im Lager Wickrathberg sang: „Ech möch zo Foß noh Kölle jon“.

Der Text erschütterte alle Zuhörer, weil er der Situation und den Empfindungen gerecht wurde.

Wir ehemaligen Lagerinsassen danken allen Menschen, die uns beigestanden und geholfen haben, obwohl sie selber litten und darbten.

Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes ihr karges Brot mit uns geteilt. Ihre selbstlose Hilfe hat unsere Not gelindert und manches Leben gerettet. Und sie machte uns Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Diese Welle spontaner Hilfsbereitschaft und Solidarität mit den geschundenen Landsleuten werden wir zeitlebens nicht vergessen.

Erlebtes im Gefangenenlager Wickrathberg

von Heinz Pankuweit, Bonn-Bad Godesberg (2009)

Ehemalige vor der Kirche 2009
Ehemalige vor der Kirche 2009
Stacheldraht und nackte Erde, Hunger und Durst, Krankheit und Tod geben nur unvollständig wieder, wie Millionen von Menschen im Verlauf eines furchtbaren Krieges gelitten haben – nicht nur in Deutschland.

Was wir als blutjunge Kriegsgefangene gegen Endes des Zweiten Weltkrieges in den Rheinwiesenlagern und hier auf dem Boden von Wickrathberg erlebt haben, ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Unzählige Menschen in vielen anderen Lagern der Welt wird Ähnliches oder noch Schlimmeres erfahren sein. Alle waren Opfer eines barbarischen Krieges, den sie nicht gewollt hatten.



Sie mussten büßen für Taten,
die sie selbst nicht begangen
und schon gar nicht zu verantworten hatten!

Ehemalige am Gedenkstein 2009
Ehemalige am Gedenkstein 2009
Die Geschehnisse hinter Stacheldraht haben viele von ihnen so erschüttert, dass sie – sofern sie überlebten – diese zeitlebens nicht vergessen können. Sie sind ein nicht wegzudenkender Teil unseres Lebens.

Ich selbst war damals 19 Jahre alt und hatte – wie viele andere – bereits ein mehr als zweimonatiges Martyrium in den Lagern Gummersbach, Remagen und Koblenz-Lützel hinter mir. Spätere Generationen können sich nicht vorstellen, unter welchen unzumutbaren, menschenverachtenden Bedingungen die hinter Stacheldraht eingesperrten Gefangenen stündlich und täglich ums Überleben kämpften. Allzu viele verloren diesen Kampf – auch hier in Wickrathberg.

Besonders schrecklich erlebten wir die vielen kalten und feuchten Nächte, die kaum ein Ende nehmen wollten. Wo und wie sollte man schlafen? Ich selbst musste – wie viele meiner Kameraden – insgesamt etwa 90 Nächte, davon in Wickrathberg etwa 20 Nächte auf nacktem Erdboden ohne Zelt, ohne Mantel oder eine wärmende Decke verbringen. Dass man so etwas durchstehen konnte, grenzt an ein Wunder.

Heute wäre das eine unglaubliche Sensation, man käme mit Sicherheit ins Guinnessbuch der Rekorde und würde wahrscheinlich rund um den Erdball von Talkshow zu Talkshow durchgereicht.

Dass man von etwa 200 – 222 im Lager Wickrathberg Verstorbenen ausgeht, ist ein bedauerlicher Irrtum. Die Realität sah leider anders aus.
Dazu ein eigenes Erlebnis:
An einem frühen Vormittag Anfang Juli 1945 ging ein Arbeitskommando von zehn Gefangenen mit einem älteren schottischen Bewacher aus Edinburgh durch das Lager, um einen Weg von Unkraut zu befreien. Für uns eine Beschäftigungstherapie.

Für die Verständigung zwischen Bewacher und Gefangenen war ich zuständig. Der sehr menschliche Schotte hatte zu Hause einen 16-jährigen Sohn und daher großes Verständnis für unsere Sorgen und Nöte. Er wollte alles genau wissen und fragte sehr viel.

Da entdeckte ich in einiger Entfernung einen Stapel. Zunächst dachte ich an Eisenbahnschwellen. Die Sache erweckte meine Neugier. Meiner Bitte, den Stapel einmal näher betrachten zu dürfen, entsprach der freundliche Schotte. Bald aber erkannte ich, dass es sich um tote Gefangene handelte. Sie waren offenbar in der Nacht bzw. am Vortag gestorben. Alle waren bekleidet, Schuhe und Strümpfe aber fehlten. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Vor mir lagen sage und schreibe 20 – 24 tote Kriegsgefangene – Opfer einer einzigen Nacht bzw. eines Tages. Und das in einem Sommermonat – ohne Verwesungsgeruch. Weitere Gedanken machte ich mir nicht. Man war abgestumpft, typisch für unsere damalige Situation. Jeder hatte mit sich selbst genug zu tun.

Zwei Tagebuchverfasser berichten unabhängig voneinander über eine ähnlich hohe Zahl von Toten. So spricht der Gefangene Sweers von 20 – 40 Toten pro Tag, während Brägelmann bei einem Sanitätszelt etwa 25, 30 tote Landser sah (S. 306 des Buches von Herbert Reiners über das Kriegsgefangenenlager Wickrathberg 1945).

Die von der britischen Militärregierung im November 1945 dem damaligen Bürgermeister von Wickrathberg übergebene Liste mit den Namen von insgesamt 222 Toten (S. 378) kann daher nur unvollständig oder aber nicht die einzige Liste sein.

Man muss leider davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl der im Lager Verstorbenen um ein Vielfaches höher liegt als die – aus welchen Gründen auch immer – bisher genannte Zahl.
Dabei ist auch zu bedenken, dass das Lager Wickrathberg etwa 120 Tage bestand und bei den unterstellten 222 Todesopfern täglich im Durchschnitt weniger als zwei Menschen gestorben wären, und das bei weit über 100.000 Gefangenen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass die britische Lagerleitung in einer auch für sie schwierigen Situation bemüht blieb, die unmenschlichen Verhältnisse im Lager durch das Aufstellen einiger Zelte und durch eine etwas bessere Ernährung erträglicher zu gestalten. Viele haben das nicht mehr erlebt, sei es, dass sie vorher bereits gestorben oder entlassen waren.
Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges starben weltweit bis zu 60 Millionen Menschen –
eine unfassbare Anzahl.
Diese horrenden Verluste lassen sich nicht bagatellisieren. Sie zu verharmlosen hieße, die geschichtliche Wirklichkeit und die Wahrheit zu verdrängen.

Am 17. April 1945 hatten sich rund 325.000 deutsche Soldaten im sogenannten „Ruhrkessel“ den alliierten Truppen ergeben. Alle glaubten, dem Krieg glücklich entronnen zu sein. Das aber war ein Trugschluss, wie sich bald herausstellen sollte. Denn nun begann für jeden Einzelnen ein anderer, ungleich härterer Kampf. Ein täglicher Kampf ums Überleben, gegen den wir uns – hinter Stacheldraht eingepfercht und stark bewacht – nicht wehren konnten.

Ohne Zelt, ohne Mantel und ohne eine wärmende Decke lagen die meisten auf nacktem Erdboden bei einer Ernährung, die diese Bezeichnung nicht im Geringsten verdiente, weil es häufig höchstens einmal am Tage etwas, was man mit einem oder zwei Teelöffeln in sich aufnehmen konnte, gab.
So begann das Leiden und Sterben in den zahlreichen provisorischen Camps,
die der Genfer Konvention in keiner Weise entsprachen.
Wir hatten uns – zwar vom Krieg gezeichnet – aber relativ gesund in Gefangenschaft begeben und verließen die Elendslager als mehr oder weniger kranke, hoffnungslos unterernährte, völlig entkräftete junge Menschen.

Dass Zehn- oder Hunderttausende, die genaue Anzahl wird sich wohl nie mehr auch nur annähernd ermitteln lassen, in den Kriegsgefangenenlagern umkamen, ohne die ersehnte Freiheit und die Familien nochmals zu erleben, war eine bittere, aber logische Folge.
Die uns das eingebrockt hatten, befanden sich nicht unter uns. Sie hatten das Volk in den schrecklichsten Krieg der Weltgeschichte geführt, den die Menschen bis zum Ende durchstehen mussten.
Erlebtes kann man vergessen, Erlittenes nicht!
Das muss man verarbeiten – irgendwie.
Man muss auch sein Gewissen gegenüber den im Lager Umgekommenen erleichtern. Niemand konnte oder wollte ihnen helfen. Wir sahen sie sterben – mitten unter uns – und konnten nicht helfen. Dennoch starben sie einsam, nicht selten qualvoll ohne ärztlichen oder priesterlichen Beistand. Dies alles geschah im kultivierten Europa des 20. Jahrhunderts. Und wir, die ebenfalls dem Tode näher als dem Leben waren, mieden die Sterbenden, schlugen einen weiten Bogen um sie, weil wir uns vor einer Ansteckung fürchteten. Wir verkrochen uns liebe in unsere erbärmlichen Erdlöcher.

Unser Verhalten war nicht kameradschaftlich. Vielleicht wirft man uns das später einmal vor. Nichtsdestotrotz maßen wir uns heute an, ihre Kameraden gewesen zu sein. Auch Nächstenliebe im christlichen Sinne fand man kaum, jeder blieb in seiner Not sich selbst der Nächste.

Unsere Bewacher, die meisten waren wohl auch Christen, mussten ihren Vorgesetzten gehorchen und deren Befehle ausführen, oftmals gnadenlos. So ist die menschliche Gesellschaft strukturiert.

Und dennoch half uns der Glaube an Gott und Gerechtigkeit. Er blieb eine starke seelische Stütze und bewahrte uns oftmals vor der Verzweiflung, er stärkte unseren Überlebenswillen.
Solange wir Davongekommenen noch eine Stimme haben, fühlen wir uns verpflichtet, darauf hinzuweisen, welch schreckliche Auswirkungen dieser Krieg hatte – nicht nur für uns und unser Volk, sondern für viele Völker und Rassen.

Seit 1945 hat sich die weltpolitische Situation grundlegend verändert. Aus den einstigen Gegnern sind Partner und Freunde geworden. Deutschland ist wieder eine Einheit. Unser Kontinent Europa wächst heute zu einer politischen und wirtschaftlichen Einheit zusammen. Dies ist nicht zuletzt ein Verdienst unseres ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer.

Niemand hat 1945 den Frieden und die Freiheit sehnlicher erwartet als die Gefangenen in allen Lagern der Welt. Sie waren verfolgt und gedemütigt, vielfach sogar ermordet worden. Sie haben die Unfreiheit erlebt, sie wissen, was Freiheit bedeutet.
Jeder Krieg bringt Kummer und Leid – auch beim vermeintlichen Sieger.

Jeder Krieg bedeutet eine Niederlage für die Menschheit.
Dennoch sind Kriege offenbar nicht auszurotten.

Zum morgigen Volkstrauertag gehen wiederum aus vielen Orten und Gemeinden Deutschlands Signale des Friedens und der Versöhnung über Ländergrenzen hinweg in alle Welt.
Auch aus Wickrathberg! – Das sind wir allen Toten schuldig!
Wir überlebenden Kriegsgefangenen bedanken uns bei allen Bürgerinnen und Bürgern von Wickrathberg, die uns in unserer Not beigestanden und geholfen haben, obwohl sie selber darbten. Und wir müssen uns auch dafür bedanken, dass wir hier in Wickrathberg einen Platz gefunden haben, an dem wir uns gemeinsam erinnern und unserer Toten gedenken können.

Wer könnte ehrlicher und aufrichtiger mahnen, wer könnte glaubhafter und überzeugender für Frieden und Versöhnung, aber auch für Einigkeit und Recht und Freiheit eintreten als die Menschen, die den Krieg und seine Folgen so hautnah und anschaulich erlebt und durchlitten haben, wie die heute hier versammelten ehemaligen Kriegsgefangenen des Lagers Wickrathberg.
Zeitdokument - Foto-KATZ
Zeitdokument - Foto-KATZ

Hier ein "Zeitdokument", das dem Chronisten vom Sohn eines Ehemaligen zu Verfügung gestellt wurde. Daran ist ersichtlich, wie schnell ein Mensch in kurzer Zeit altern kann. Auch sieht man, dieser Ehemalige hatte den Krieg einigermaßen "gut" überstanden und dann kam für ihn und vielen anderen das eigendliche "Übel"!





Samstag, 14. November 2009
Treffen der "Ehemaligen" des Kriegsgefangenenlagers Wickrathberg

Treffen der „Ehemaligen“ des Gefangenenlagers in Wickrathberg

Der Verein für Heimat- und Denkmalpflege, unter der Leitung von Peter Neuß, hatte zum Vortag des Volkstrauertages wieder die „Ehemaligen“ des „Kriegsgefangenenlagers Wickrathberg” eingeladen. Diesmal gingen die Einladungen allerdings „nur“ an diejenigen, die im Umkreis von Wickrathberg wohnen. Somit hatten die weiteste Anreise ein „Ehemaliger“ aus Köln und einer aus Bonn-Bad Godesberg.

Peter Neuß, der Vorsitzende des Vereins für Heimat- und Denkmalpflege Wickrathberg, begrüßte die Gäste und betonte dabei, daß noch weit mehr kommen könnten, aber viele verdrängen das im Lager erlebte. Es kamen auch einige Angehörige von den ehemaligen Lagerinsassen. Sie nahmen einige Bücher zu diesem Thema mit und bemerkten, daß sie einzig nur wissen, daß ihr Vater in diesem Lager war, aber der verdrängt dies, indem er nicht darüber spricht. Ebenfalls konnte Neuß die Witwe des verstorbenen Buchautors Herbert Reiners begrüßen.

Zwischenzeitlich war auch der neue Bezirksvorsteher Arno Oellers eingetroffen. Auch er begrüßte die Gäste und bemerkte, daß das eine sehr gute Entscheidung des Heimatvereins ist, dieses Treffen in regelmäßigen Abständen auszurichten. Es sollte dem Verein eine Verpflichtung sein, dieses Treffen auch weiterhin auszurichten.

Die Gäste wurden hervorragend von den Damen des Heimatvereins und von den Damen der evangelischen Frauenhilfe beköstigt. Zu Beginn gab es Kaffee und Kuchen. Dabei spielte Peter Neuß zwei Tonkassetten mit einem Interview und einer erzählten Geschichte zweier „Ehemaligen“ ab. Dabei konnte man von vielen ein Zustimmendes Nicken erkennen. Man sah aber auch bei einigen Tränen in den Augen.

Dann aber wurde es Still im Saal. Der „Ehemalige“ Heinz Pankuweit aus Bad-Godesberg trat an Mikrofon. Er hatte die Geschichte, so wie er es erlebt hatte aufgeschrieben und las das nun vor. Er korrigierte aber auch den Buchautor Herbert Reiners in einigen Punkten. Er bedankte sich beim Vorsitzenden des Heimatvereins und bei den Damen und Herrn, die für die umfangreichen Vorbereitungen Zeit, Arbeit und Ideen eingebracht hatten. „Ein derart aufmerksamer Empfang tut uns allen gut“ bemerkte er noch. Auch da konnte man von Allen zustimmendes Kopfnicken sehen. (Bericht von Heinz Pankuweit siehe unten)

Nach diesem Vortrag, gingen alle noch mal zum Gedenkstein, der von der Stadt Mönchengladbach neu gestaltet wurde. Alle freuten sich darüber, das sich auch die Stadt für den Gedenkstein einsetzt, der auch ein Mahnmal gegen das Vergessen ist.
Letzte Aktualisierung ( Montag, 27. April 2015 )