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Wanlo Chronik Teil 2

Chronik des Dorfes Wanlo - Teil 2

Die alten und die neuen Straßennamen.
Das bäuerliche Leben in Wanlo
Von der Arbeit der Wanloer Bevölkerung im 19. Jahrhundert
Einmarsch der Alliierten
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Die alten und die neuen Straßennamen.


1668 "uff der Burgstraßen" = vermutlich die heutige "Kuckumer Straße"
1680 "im Dahl" = heute "Im Tal"
1750 "en der Düstergassen" = ???
1682 "Heckstraße" = heute immer noch Heckstraße
1685 "der Holl – oder Hallweg" = heute Hochstraße
1685 "uff der Kirchstraßen" und
1686 "Kirchstraße" = heute "An der Kirche"
1670 "Köhlenstraße" und
1696 "Köllenstraße" = Name der mittelalterlichen Fernstraße Wickrath – Jackerath – Köln
1685 "am Marck" und
1687 "an dem Markt" (Marktplatz) = heute Teil der Kuckumerstraße
1677 "auff der Platstraßen" und
1682 "auff der Plackstraße" und
"in der platten Straße" = heute Plattenstraße (Erckens; Juden in Mönchengladbach 2, Seite 338)
1693 "am Stahl Endt" = heute Stahlenend
1535 "up den Steinbrunck" und
1643 "uff dem Steinbronk" = heute "Auf der Steinbrücke"
[Brunke bedeutet: wäss’riges Gelände, nasse Stelle in der Wiese. Also nicht Brücke].
1680 "auff der Scholtheißen Gassen" = ???

Quelle = Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet von Karl Mackes

"rue de Marché" = Marktstraße
Venrather Straße = ????
Quelle = (Erckens; Juden in Mönchengladbach 2, Seite 336)

"Langstraße" = Heck- und Plattenstraße und Stahlenend.

"de Hüll" = Richtung Hochneukirch, hinter dem Wanloer Friedhof. (Hüll = Hohlweg)

"Schustergasse" = gegenüber vom Schweinemarkt, rechts, hinten am Haus vorbei; Gasse zu den dahinterliegenden Gärten.
[Benannt nach Schuster (Schuhmacher) Thönißen. Heute Plattenstraße 32.]

"Schulgasse" = zwischen Schulhof und Kindergarten. (Schöll-jässke) – (Schölle-jaat)

Neuer Weg (Nöe Wääch) zwischen Plattenstraße Haus-Nr.: 41 + 43 in Richtung Niers.

Die "Gormannsgasse" wurde vorher in Dialekt (op Platt) "Matsch-ges-jaat - oder - Matz-ges-jaat" genannt (Jaat = Gasse), weil dort nach Regen immer "Matsch" war. (Unbefestigte Straße)

Den Familienamen Go(i)rman(n) gibt es in Wanlo seit 1535,
von diesem Hof stammt der Gladbacher Abt Heinrich Goirmanns (1619-1635).
Zu seiner Zeit wurde die Zahl der Altäre im Münster reduziert.
1964 wurde die Straße benannt aus vormals Wanlo Nr. 95 - 98 und 121.
Quelle: Stadtarchiv Mönchengladbach, Herr Dr. Wolfsberger.

Der "Dachsweg" hieß vor 1975 Wieselweg

Heutige Straßennamen:

Kuckumerstraße – Heckstraße – Hochstraße – Plattenstraße – Stahlenend – An der Kirche – Schweinemarkt – Gormannsgasse – Alter Sportplatz – Auf der Steinbrücke – Auf dem Stiel – Im Tal – Marderweg – Dachsweg – Am Kappelshof – An der Mühle.

Das bäuerliche Leben in Wanlo
am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Von Chronist Heinrich Küppers +

Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich mehr Menschen unseres Dorfes mit Ackerbau und Viehzucht. Manche betrieben Landwirtschaft allerdings nur im Nebenerwerb; denn viele betrieben die Seidenweberei am eigenen Webstuhl, andere waren schon in Fabriken (Webereien) in der näheren Umgebung beschäftigt. Da es keine Erbhofbauern gab, wie etwa im Westfälischen, wurde das Land bei Heirat der Kinder an diese als Erbanteil verteilt und bis zur späteren, ersten Flurbereinigung, konnte man überall kleine schmale Ackerparzellen finden. So wurde denn manches "Feld" mit geliehenem Pferd und Gerät bearbeitet, wofür man dann später bei der Ernte oder beim Dreschen , sozusagen als "Gegenleistung", aushalf. Mancher "Kleinlandwirt" spannte entweder einen Ochsen oder ein paar Kühe vor den Pflug.

Wie sah nun damals das Ernten aus? Das reife Getreide wurde mit dem Sicht, einer kurzstieligen Sense ,gemäht, Morgen für Morgen. Mit dem Matthok, einem flachen Stiel, an dessen Ende sich ein Haken befand, zog man das Getreide zu einem Bündel zusammen und hob es, den linken Fuß unter das Bündel, den Matthok von oben über das Bündel und den Sicht in das hintere Ende geschlagen, außerhalb des "Schnittganges". Und mancher Bauer legte Wert darauf, daß die "Garben" wie mit der Schnur ausgerichtet auf dem Felde lagen. Nach einigen Stunden des mähens kamen die Frauen, Töchter und Mägde zum Garbenbinden nach. Jede Garbe erhielt eine Strohbindung (enne Bangk) und Roggen, wegen der Länge der Halme, eine zweite, wofür allerdings die oberen Teile einiger Halme benutzt wurden. Manche Frau stülpte (enne Mauw) über die Arme, entweder ein abgeschnittener langer Strumpf oder eine eigens hierfür genähte längliche Stoffhülle, damit die Arme nicht zerstochen wurden, oder aber gegen das Stechen von Disteln, die manchmal, trotz früheren "Stechens", wieder hochgewachsen waren. Nach bestimmter Garbenzahl, es war meist mit der Vormittags – oder Nachmittagszeit abgestimmt, begann dann das "Aufsetzen" der Garben (op Hööp). man nahm unter jeden Arm eine, manche vermochten auch zwei Garben beidseitig zu fassen, und setzten sie hintereinander und gegeneinander auf. Dabei mußte auch die gesamte "Richtung" stimmen. Denn ungerade Reihen der hier aufgesetzten Garben zeugten von keinem "akkuraten" Bauer.

War nun alle Frucht gemäht, begann das Einfahren. Das war für Mensch und Tier kein leichtes Tun. Draußen stach die Sonne und Karre für Karre, oder bei den "großen" Bauern, Wagen für Wagen (Leiterwagen) mußten vollgeladen; d.h. mit Erntegabeln "hochgestochen" werden. Der Mann auf der Karre hatte eine bestimmte Reihenfolge beim Legen der Garben einzuhalten; denn wenn auch nachher, nachdem drei und vier Lagen (Loere) auf der Karre waren, ein Seil darüber gespannt wurde, so konnte doch manche Schwankung der Ladung, durch "Schlaglöcher" verursacht, eine ganze Fracht abrutschen lassen. es mußte daher regelrecht im "Verbund" geladen werden.

In den Scheunen aber Schwitzten Männer, Frauen und Kinder je höheres unter das Dach ging. Abends waren Menschen und Pferde redlich müde; doch am anderen Morgen rollte Punkt sieben Uhr das erste Fahrzeug wieder aufs Feld!

Nach dem Einfahren begann das Dreschen. Allerdings wurde es meistens bis in den Winter hinein verschoben; denn im Spätsommer und Herbst mußte rechtzeitig gepflügt und gesät werden. Und das geschah Furche um Furche; denn es wurden nur einscharige Pflüge benutzt.

Das Dreschen beschäftigte im Winter wieder manche Dorfbewohner. Wenn man hört, daß für einen ganzen Tag 50 Pfennige Dreschlohn gezahlt wurden, so kann man es kaum glauben. Allerdings muß man berücksichtigen, daß dabei vier Mahlzeiten mit einzuberechnen waren. Auch "enn Fläsch Klo(a)re" [Weißer Korn / Klarer Schnaps] zum aufwärmen fehlte nicht. Die Tenne (d’r Denn), die einen festgestampften Lehmboden hatte, war für Wochen der Dreschplatz. Zunächst wurde Stroh ausgebreitet [vom Vorjahr], damit die Getreidekörner beim Dreschen nicht zerquetscht wurden. Dann wurden die Bündel aufgeknotet und so auf die Tenne gelegt, daß die Ähren beieinander lagen. Meistens lagen so vier Reihen Garben gegenüber. Nun begannen die Männer mit den Dreschflegeln ihr Werk. Der erste begann zu schlagen und ging langsam nach vorne, der zweite schlug nun im Gegentakt dazu und folgte dem ersten über die Garben. Schließlich kam auch noch der dritte hinzu. Geschlagen wurde also im Zweier – oder Dreiertakt je nach Anzahl der Drescher. Und es gab ein "Donnerwetter", wenn man "aus dem Takt" kam. Nach dem Dreschen wurde mit Gabeln das Stroh hochgehoben, geschüttelt und beiseite gelegt, wo Frauen wieder Strohbündel banden, die auf den Strohstall als Streu für das Vieh kamen.

Das Getreide wurde durch die "Wannmühle" befördert. Letztere war etwa zwei bis drei Meter, ein Meter breit und hatte innen vier bis sechs Windflügel. Diese wurden von außen durch einen Drehstab (Schwengel) in Bewegung gesetzt und erzeugten so Wind, der das Getreide von der Spreu (Kaaf) trennte. "De Kaaf" flog nach hinten aus der Wannmühle, das Getreide rutschte nach vorne über ein schräges Brett auf den mit einem großen Tuch abgedeckten Boden, wo es dann mit Handschaufeln in Säcke gepackt wurde. Meistens wurde auch noch die "Kaaf" aufbewahrt zum Gebrauch bei der Hühner – und Schweinehaltung.

Um 1900 gab es bereits Dreschmaschinen, die Stroh, Spreu und Getreide voneinander trennten. Da aber Wanlo noch keinen elektrischen Strom hatte – 1908/1909 gab es erst für Wanlo Strom – wurden die Dreschmaschinen von einem Göpel angetrieben. Außerhalb der Scheune, der Tenne, war der "Göpel" installiert. Mehrere Zahnräder waren, etwas in die Erde eingelassen, angebracht, die eine Achse trieben, die wiederum zur Dreschmaschine führte und diese in Tätigkeit setzte. Der "Göpel" wurde von Zugtieren, einem Pferd , manchmal auch von zwei Kühen gezogen. Manchmal wurden den Tieren Tücher vor die Augen gebunden, damit sie den dauernden Rundgang nicht merkten.

Die ersten Dreschmaschinen banden auch das Stroh noch nicht automatisch. Da mußten wieder Garben gebunden werden. Erst Jahre später, etwa 1910 / 1920 kamen dann nach und nach vollautomatische und elektrisch betriebene Dreschmaschinen nach Wanlo.

Von der Arbeit der Wanloer Bevölkerung im 19. Jahrhundert

Von Chronist Heinrich Küppers +

Wechselhaft sind fast alle geschichtlichen Zeiten und mit diesen auch die Arbeit des Menschen, seine "Beschäftigung" oder die Art, sich den Lebensunterhalt zu besorgen.
So betrieben die Einwohner Wanlo’s in früheren Zeiten in der Hauptsache Landwirtschaft. Und mit dieser Landwirtschaft lebten dann wieder andere Berufe wie Schmiede und Müller.

So wies Wanlo eine Reihe von Wassermühlen aber auch zwei Windmühlen auf. Das Wasser der Niers wurde genutzt, um die Mühlenräder zu drehen. Es gab die Wiertz-, die Caspers-, die Siemons- und dieKappelsmühle (in einer anderen Aufzeichnung heißen sie Wildenraths – Wassermühle, Voigts – Oelmühle, Brands – Mühle und Cappels – Hofmühle).

So „schlug“, so hieß es damals, eine Mühle auch Oel und zwar aus dem Wanloer Feld gezogenen Raps – und Leinsamen. Im Osten, nach Hochneukirch hin und im Westen am Feldweg nach Venrath standen zwei Windmühlen. Die Mühle östlich von Wanlo war eine „Bockmühle“; d.h. der obere Teil der Mühle stand auf einem hölzernen Gestell, einem „Bock“. Dieses Oberteil konnte mit einem „Stäätz“ oder auch „Stertz“ genannt (Schwanz), einem langen Holzgestell, das mit dem Mühlengehäuse verbunden war, auf dem Bock gedreht werden, so daß die Flügel der Mühle immer in die richtige Windrichtung gestellt werden konnten.

Im übrigen heißt es in der Geschichte Wanlo’s, daß ein strebsamer Wanloer Bürger die erste Wasserturbine (auch Wassersparer genannt) im Rheinland gebaut hat. Sein Name wird mit „Esser“ angegeben und die Turbine war bei der Caspers–Mühle. Das Grab dieses Mannes war noch lange Zeit neben der Kirche zu sehen.

Die letzte Windmühle stand am Hochneukirchener Weg. Mit dieser war ohne Zweifel ein „Original“ verbunden: Urban. Er holte mit der Mühlkarre das Getreide zum Mahlen ab und brachte das Mehl zurück. Bekannt ist vor allem, daß das Pferd am „Hahn“ (Kummet) Schellen trug, so daß man Urban und sein Gefährt schon von weitem hören konnte. In der Karwoche aber blieben die „Schellen“ stumm, das heißt, Urban hatte sie abgenommen. Nichts sollte die Kartage stören.

Doch trotz des reichen Segens von den fruchtbaren Feldern gab es auch schlimme Zeiten. Es wird sogar eine große Hungersnot erwähnt, die 1816 hier geherrscht hat. 1817 wurde ein zwölfpfündiges Roggenbrot mit einem Reichstaler bezahlt, ein hoher Preis in der damaligen Zeit.

Kaum aber war diese Plage vorüber, als auch schon wieder eine neue folgte. 1822 haben Mäuse in den Feldern der Bürgermeisterei Wanlo gemäß einer damaligen speziellen und genauen Aufnahme einen Schaden von 12 000 Talern angerichtet.

Neben der Landwirtschaft war damals hier in Wanlo die Leinenweberei das erträglichste Gewerbe. Leinen wird aus Flachs gewonnen. In vielen Häusern standen Webstühle, die den, meist selbst bearbeiteten und auf Handspinnrädern gesponnenen Flachs, verarbeiteten. Bis es zum Verspinnen und Verweben kam, waren vielerlei Arbeiten nötig.

Der braune Flachs– oder Leinsamen wird Ende April gesät. Bald findet sich auch das Unkraut [nicht erwünschte Kräuter] ein, das sorgfältig ausgejätet werden muß. Der glatte runde Stengel der Flachspflanze wird bis zu einem Meter hoch. Am oberen Ende trägt er Ästchen mit himmelblauen Blüten. Nach der Blütezeit entwickelt sich eine erbsengroße, zehnfächerige Kapsel mit zehn Samenkörnern. Aus diesen wird das Leinöl gepreßt, das zum Anstreichen und Mahlen benutzt wird, ja sogar als Heilmittel dient. Die Abfälle beim Ölschlagen werden zu Kuchen geformt und als Zugabe beim Viehfutter verwandt.

Der Flachs wird am nützlichsten durch seine Stengel mit den langen Fasern. Diese liefern den Stoff zu Leinwand und vielen anderen Geweben. Doch sind hierzu mancherlei Arbeiten nötig. Nach der Reife, die gegen Ende Juli eintritt, werden die Flachsstengel ausgerupft, in Bündel gebunden und zum Trocknen aufgestellt. Danach wird der Flachs in die Scheune gebracht; dort werden die Samenkapseln von den Stengeln abgestreift indem man die Flachsbündel durch einen eisernen Kamm zieht.

Danach beginnt die Tauröste. Die Stengel werden in langen Reihen auf Wiesen, Stoppelfelder oder sogar in flache Gruben in der Nähe der feuchten Flußaue gelegt. Durch den Wechsel von Feuchtigkeit und Trockenheit faulen die holzigen Teile des Stengels und die Fasern lösen sich ab. Nach drei bis vier Wochen sind die Stengel geröstet. Nun werden die Stengel zur Brechgrube gebracht und über einem kleinen Feuer gedörrt; jetzt werden die Fasern mit der Handbreche und dem Swingstock von den Holzteilen getrennt. Durch das Hecheln scheiden sich die rauheren und kurzen von den längeren und feineren Fasern. Die raueren heißen Werg; sie dienen zur Bereitung der gröberen Leinwand. Die feineren nennt man Haar; aus diesen werden die feinen Stoffe gewebt. Nunmehr kann der Flachs gesponnen werden.

Das Spinnen war eine Beschäftigung für die langen Winterabende. Um Holz und Licht zu sparen, versammelten sich die Frauen und Mädchen benachbarter Häuser in der sogenannten Spinnstube, jeden Abend in einer anderen, bis alle an der Reihe gewesen waren. Bei Anbruch der Dunkelheit kamen sie mit dem Spinnrad und einem Bündel Flachs. Im Kreis sitzend, spannen sie um die Wette. Erzählungen und Sagen, Rätsel, Sprüche und Lieder verkürzten die Arbeit. Ach die Großmutter war in der Spinnstube; sie erzählte am schönsten, wußte sie doch viel Ernstes und Heiteres aus ihrer Jugendzeit. Die jüngeren Kinder des Hauses mußten das Garn von den Spulen abhaspeln. Sobald eine gewisse Anzahl von Strängen erreicht war, wurden diese gesammelt, gewaschen, getrocknet und für den Webstuhl vorbereitet.

Wenn das Leinen vom Webstuhl kam, hatte es eine aschgraue Farbe; deshalb mußte es gebleicht werden. Aus Holzasche, Soda und schwarzer Seife wurde eine Lauge bereitet, darin wurde es gekocht und dann an sonnigen Tagen im Frühjahr oder Vorsommer auf den Rasen ausgebreitet und fleißig mit Wasser begossen. War das Leinen fünf– bis sechsmal den Einwirkungen der scharfen Lauge und der Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen, so erlangte es allmählich eine glänzende weiße Farbe.

Der Flachs erforderte viel Arbeit ehe er zum Gebrauch verwendet werden konnte. Dafür hatte aber auch die selbst gefertigte Leinwand einen bleibenden Wert, so das es im Volksmund hieß: „Viel Leinen ist ein heimlicher Reichtum.“

Ja, jede Hausfrau war stolz auf ihren „Reichtum“. Da gab es viele Dutzend Leinentücher, Kissenbezüge, Hemden, Hand – und Tischtücher, Kaffeedecken in einfachen und Gebild – Leinen und noch manche Rolle unverarbeiteter Leinwand. An manche Stücke knüpften sich Erinnerungen: Jene Leinentücher hatte die Großmutter noch gesponnen und diese Hemden hatte sie selbst genäht. Damals galt ein alter Spruch: „Selbst gewonnen, selbst gesponnen, selbst gemacht, ist beste Bauerntracht.“

Die Einfuhr der Baumwolle machte der Leinenherstellung langsam den Garaus. Nach 1860 ging der Flachsbau zurück; denn das noch blühende Hausgewerbe nahm nun das Samt– und Seidenweben auf. Es machte insbesonders nach 1870 glänzende Geschäfte. Aber die Erfindung der Dampfmaschine und der Elektrizität machten den idealen Hausberufen nun endgültig ein Ende. Überall taten sich in der Umgebung Fabriken auf. Da konnte der Handarbeiter nicht mehr mithalten. Die Hauswebstühle verwaisten und verstaubten; immer mehr Männer fanden lohnendere Arbeit in den wie Pilze aus der Erde schießenden Fabriken. Auch in Wanlo hielt der Arbeiterstand seinen Einzug. Wanlo war kein bäuerlicher Ort mehr. Ein großer Teil der Bewohner war Arbeiter, Arbeiter, die morgens in entfernte Orte zur Fabrik gingen und erst abends zurückkehrten. Eine gewaltige Umschichtung !
Den letzten Webstuhl konnte man noch etwa um 1925 klappern hören.

[Originaltext von Chronist Heinrich Küppers +]

Einmarsch der Alliierten.


2. Weltkrieg – Wanlo 1945.

Verfaßt von Chronist Heinrich Küppers +

Über den Einmarsch der Alliierten wird folgendes berichtet:
Erzählung von Frau Katharina Küppers, Kuckumerstraße 2) [Wanlo]

Es war Dienstag, der 27.2.1945. Der Wehrmachtsbericht hatte kurz vor 12 Uhr gemeldet, die Alliierten hätten die Rur überschritten. Gegen 14 Uhr erschienen die ersten Amerikaner, mit der Maschinenpistole unter dem Arm, ganz vorsichtig, fast ängstlich, von der Heckstraße kommend zum Markt. Die meisten Wanloer Bürger saßen mit älteren Leuten und Kindern in den Kellern der Häuser; denn immer wieder flogen Flugzeuge im Tiefflug über den Ort.

Wilhelm Laumanns, damals 72 Jahre alt, stand mit erhobenen Händen in der Tür bei Küppers. Auf der Plattenstraße (gegenüber) standen ein paar Frauen und ältere Männer und winkten mit weißen Taschentüchern. Frau Küppers hatte dies alles durch einen kurzen Blick des geöffneten Flurtürenfensters gesehen, war dann aber wieder in den Keller gegangen. Nach etwa 20 bis 30 Minuten kam Herr Laumanns in den Keller und sagte: „Das ganze End (Stahlenend) kommt zum Markt. Auch ihr müßt erscheinen ; denn das Militär gibt Anordnung, wie sich die Wanloer zu verhalten haben.“

So versammelten sich wohl die meisten Wanloer Bürger, viele nur notdürftig gekleidet, manche Mütter mit Kindern auf dem Arm, auf dem Marktplatz. Plötzlich setzte sich die Menge in Richtung Heckstraße in Bewegung. „Wir müssen aus dem Dorf hinaus“ hieß es allgemein. Die Ansammlung so vieler Menschen könnten von Flugzeugen beschossen bezw. bombardiert werden. Am Ende der Heckstraße hieß es, von der Tochter ausgesprochen „Mutter (87 Jahre alt) kann nicht mehr weiter.“ Da kam seitens der Amerikaner die Anweisung: „Alle alten Leute und Kranke in das letzte Haus in der Heckstraße Lazarett“ (Haus von Friedrich Küppers) [ Vater von Heinrich Küppers ]

Der übrige Trupp wurde nach Keyenberg weitergeleitet. An der Kirche in Keyenberg verschwanden einige, angeblich zum Austreten, sind aber nicht zurückgekehrt, sondern am Felder – Hof vorbei nach Wanlo zurückgegangen. [ So auch erzählt von Josef Katz, Großvater von Chronist H.-J. Katz ]

Von Keyenberg aus wurden die Wanloer unter Militär mit MP [ Maschinenpistole ] im Anschlag weiter nach Holzweiler geführt und in die Kirche eingewiesen. Es waren mehrere hundert Wanloer, die meisten „op Klompe“, in Holzschuhe. Da kam vielen der Gedanke: „Jetzt machen die mit uns, was die Nazi’s mit den Juden gemacht haben.

Am ersten Abend gab es nichts, auf das man sich schlafen legen konnte. Man saß oder hockte irgendwo und versuchte, sich wach zu halten. Die Kinder schliefen schließlich auf den Boden, im Schoß oder in den Armen der Mütter ein. Die Kirchenfenster waren teilweise zerstört, es gab keine Heizung.

Am zweiten Tag holten einige Männer bei den Holzweiler Bauern Stroh und so schlief man wie das liebe Vieh auf oder unter Stroh. Da es noch nichts zu essen gegeben hatte, suchte man nach Körnern im Stroh, um wenigstens beim Kauen etwas Speichel im Mund zu erzeugen. Es gab kein Geschirr. Einige hatten beim Stroh holen Einmachgläser und kleine Schüsseln „mitgehen“ lassen.

Die Einwohner Holzweilers brauchten nicht in die Kirche, da nur in Wanlo mit größerem Widerstand gerechnet wurde.

Am dritten Tag gab es dann das erste Essen – Eintopf. Man aß gemeinsam an einigen Töpfen.

Besonders schlimm waren die hygienischen Verhältnisse. Die Säuglinge wurden in Altartücher eingepackt. Die „naß gemachten“ Tücher wurden im Keller getrocknet und ungewaschen wieder gebraucht. Die Älteren setzten sich vor der Kirche hin, manchmal war aber auch dafür kein Platz mehr. Dann wurde am Tage darauf alles umgegraben und man begann aufs neue mit der Notdurft draußen auf dem Gelände. Beim hinausgehen oder hereinkommen während der Nacht mußte man achtgeben, daß man niemand, der am Boden lag, trat.

Am 4. März durften dann alle Wanloer Bürgerinnen und Bürger wieder zurück. Man fand nicht alles beim alten. Hier und da waren doch Plünderungen vorgenommen worden, von wem? Das wollte niemand „gesagt haben“; denn für die Wanloer entstand keine größere Not. Es war eben wie in vielen Fällen, wo Truppen in einem Krieg durch bewohnte Gebiete gezogen waren.

Bemerkungen in [.....] wurden von Chronist Heinz-Josef Katz eingesetzt.
Letzte Aktualisierung ( Freitag, 12. Mai 2017 )